Nobitz/Frohnsdorf. Unter dem Leitsatz „PILGERN – Wohl-Ergehen für Körper – Geist – Seele“ hatten sich über 60 Pilger eingefunden, um aufzubrechen, unterwegs zu sein und anzukommen.

Zur herzlichen Begrüßung waren Arnhild Kump, Leiterin des Ökumenischen Pilgerzentrums Wien, Pfarrerin Heike Schneider-Krosse vom Evangelisch-Lutherischen Kirchspiel Nobitz-Flemmingen und Bürgermeister Hendrik Läbe an der Nobitzer Dorfkirche.

Doch bevor der eigentliche Pilgerweg begann, stand zunächst die Stärkung für die anstehende Strecke im Mittelpunkt. Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle der Kirchgemeinde Nobitz. Ein ausgiebiges gemeinsames Frühstück mit frischem Kaffee, heißem Tee, belegten Schnittchen und leckeren Osterbrötchen sorgte in Nobitz für den perfekten Start in den Feiertag.

Nach einer stimmungsvollen Andacht von Pfarrerin Schneider-Krosse in der Kirche „Peter und Paul“ richtete sich der Blick auf das Bauwerk selbst. Die klassizistische Hallenkirche besticht heute durch eine fast nüchterne Klarheit, blickt aber auf eine dramatische Baugeschichte zurück. Nachdem der Vorgängerbau 1819 durch einen Blitzschlag schwer beschädigt und bis auf die Grundmauern abgetragen werden musste, begann 1822 der Neubau. Bereits ein Jahr später stürzte der halbfertige Kirchturm mitten in das Kirchenschiff. Trotz dieses gewaltigen Unglücks wurde der Bau fortgesetzt und 1829 feierlich geweiht. Heute ist die Kirche der Mittelpunkt einer Gemeinde von rund 400 Mitgliedern, die sich engagiert gegen den Mitgliederschwund und bauliche Hürden, wie einen Sanierungsstau und eine aktuell unbespielbare Orgel, stemmt.

Mit Gottes Segen begaben sich die Pilger vor das Gemeindehaus zum traditionellen Aufbruch-Ritual. Es wurde ein Einstimmungstext verlesen und alle Pilger erhielten einen persönlichen Sinnspruch aus der „Pilgerapotheke“. Anschließend machte sich die Gruppe schweigend auf die erste Etappe in Richtung Viaduktweg.

Auf dem Weg bot sich die Gelegenheit, mehr über die unmittelbare Umgebung zu erfahren, darunter kurze Einblicke zur Historie des Nobitzer Flugplatzes sowie zur faszinierenden Geologie. Tief unter der Oberfläche ruht hier ein wahrer Schatz,  feinster Quarzsand, der sich bereits vor etwa zwei Millionen Jahren bildete, als die Erde erkaltete. Dieser Sand besitzt eine herausragende Qualität und wird in zehn verschiedenen Körnungen abgebaut. Das gigantische Vorkommen würde noch für die nächsten 200 bis 300 Jahre reichen. Jedoch bringt der Eingriff in die Natur Probleme mit sich. Bäche wie die „Hellerbäche“ fallen heute zunehmend trocken. Die 47 Ortsteile stehen heute vor der Mammutaufgabe, Wasser künstlich in den alten Teichen anzustauen.

Die Route führte die Pilger nun auf die Trasse einer ehemals höchst bedeutenden Eisenbahnstrecke, die vor 124 Jahren erbaut und am 1. Juli 1901 eingeweiht wurde. Bauherr und Eigentümer waren damals die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen. Die Ingenieure vollbrachten hier eine Meisterleistung. Auf der Strecke wurde eine Höhendifferenz von 93 Metern mit einer sehr moderaten Steigung von lediglich einem Prozent überwunden. Dafür mussten fünf große Viadukte errichtet werden, deren Fundamentpfähle man bis zu 15 Meter tief ins Erdreich trieb. Besonders markant sind die Nirkendorfer Talbrücke mit ihren 11 Bögen und das gigantische Wiesebacher Viadukt, welches sich über 17 Bögen spannt und 330 Meter lang ist.

Dass wir heute hier pilgern können, ist einem enormen Kraftakt zu verdanken. Eine 2010 gegründete Bürgerinitiative verhinderte den Verfall der Anlage. Die Deutsche Bahn (DB AG) verkaufte den eigentlichen Bahndamm auf einer Länge von rund 15 Kilometern an die NABU-Stiftung. Die Naturforschende Gesellschaft Altenburg wurde mit dem praktischen Umbau des Dammes zum Wanderweg betraut. Der Viaduktradweg e.V. sicherte sich 2016 über einen offiziellen Mietvertrag mit der DB die Nutzungsrechte und die Verantwortung für fünf der historischen Brücken. Ein Zeugnis dieses Ehrenamts ist die im September 2022 nach einer 200.000-Euro-Sanierung wiedereröffnete Bahnbrücke in Nirkendorf.

Die zweite Etappe führte die Pilger bei klarem Frühlingswetter in Richtung Ehrenhain, vorbei am nahen Leinawald, dem historischen Grenzwald zwischen Thüringen und Sachsen. Nach großen Sturmschäden an den anfälligen Fichtenbeständen setzt die Forstwirtschaft hier nun auf tiefwurzelnde Eichen, auch wenn deren Holzertrag erst in 200 Jahren erwartet wird.

Schon aus der Ferne diente der über 40 Meter hohe Kirchturm von Ehrenhain als historischer Orientierungspunkt. Die Ehrenhainer Kirche offenbarte im Anschluss ihr jahrhundertealtes Erbe, bei dem romanische Substanz auf einen spätgotischen Chor aus dem frühen 16. Jahrhundert trifft. Das Gotteshaus beherbergt ein historisches steinernes Sakramentshaus aus dem Jahr 1525 sowie einen prachtvollen Altar von Johann Böhme aus dem Jahr 1655, der von 24 kunstvoll geschnitzten Engelsköpfen geschmückt wird. Nach
einem Diebstahl und einer neunjährigen Restaurierungsphase für 72.000 Euro konnte dieser 2016 endlich wieder eingeweiht werden. Ehrenhain gilt mit seinen etwa 250 bis 300 Gemeindemitgliedern als das unbestrittene „Kraftzentrum“ des Kirchspiels. Dies liegt maßgeblich an der historischen Ladegast-Orgel, deren Konzerte weit über die Gemeindegrenzen hinausstrahlen.

Nach dem gemeinsamen Mittagsgebet legte die Gruppe hier eine wohlverdiente Rast ein. Ein großes Dankeschön geht an die hiesige Kirchgemeinde, die einen wunderbaren und herzhaften Pilgerimbiss vorbereitet hatte.

Der letzte Streckenabschnitt führte den Pilgerzug westwärts zum Zielort Frohnsdorf. Dort fiel sofort die ungewöhnliche Fassade der Dorfkirche auf, bei der die Glockenöffnungen direkt und unverschnörkelt in die Front eingelassen sind. Das Gotteshaus, das zwischen 1835 und 1839 errichtet wurde, orientiert sich sichtlich an den klaren, geraden architektonischen Linien von Karl Friedrich Schinkel. Frohnsdorf ist mit etwa 80 bis 100 Mitgliedern die kleinste der drei Gemeinden. Doch dass das Kirchendach in den vergangenen Jahren gleich dreimal mit Fördermitteln saniert werden konnte, zeugt vom unbedingten Willen der Dorfgemeinschaft, ihren Mittelpunkt zu erhalten. Ein besonderer Stolz ist zudem die historische Donati-Orgel, die in den frühen 2000er Jahren grundlegend überholt wurde.

Nach der emotionalen Abschlussandacht in der Frohnsdorfer Kirche nahmen sich die Pilger bei den Händen und bildeten als Zeichen der Verbundenheit einen großen Abschlusskreis. Am Ende dieses Pilgerweges blieben nicht nur die Eindrücke von drei vollkommen unterschiedlichen Bauwerken, vom klassizistischen Neubeginn über das romanisch-gotische Mittelalter bis zur strengen Schinkel-Zeit. Es blieb hauptsächlich das Bewusstsein, dass die drei Gemeinden nicht gegeneinander, sondern spörbar miteinander arbeiten. Und natürlich das wohlige Gefühl, Körper, Geist und Seele auf dem historischen Viaduktweg etwas Gutes getan zu haben.

Text/Foto: Peter A. Schubert

Foto unter 16.KW Ökumenischen Pilgern