Altenburg. Wer am Vormittag die Altenburger Tafel in der Gablenzstraße betritt, landet mitten im Betrieb. 

Hinter dem kleinen Verkaufsraum werden Kisten geschoben, Obst und Gemüse vorbereitet, beschädigte oder verdorbene Ware aussortiert. Vorne dürfen meist nur zwei oder drei Menschen gleichzeitig hinein – mehr gibt der Platz kaum her. Fertig gepackte Tüten gibt es in Altenburg nicht. Die Besucherinnen und Besucher wählen selbst aus, was sie brauchen so weit es der Bestand zulässt. Wenn etwas knapp ist, werden die Mengen begrenzt:nur eine Packung Eier oder eine Portion Tomaten. „Manchmal kriegen wir viel, manchmal kriegen wir wenig“, sagt Mitarbeiterin Madlen Sommer. Planbar sei hier wenig.

Schon ab 7.00 Uhr sind die Fahrer im Landkreis unterwegs. Sie holen Lebensmittelspenden bei Supermärkten, Bäckereien, Fleischereien und anderen Geschäften ab, bringen die Ware zur Ausgabestelle und starten dann zur nächsten Runde. Zwei Fahrzeuge sind regulär im Einsatz, ein drittes steht als Reserve bereit. 

Vor Ort werden die Spenden sortiert. Frischware kommt möglichst schnell in die Auslage oder in die Kühlung, damit der Laden schon am Vormittag bestückt ist. Im Schnitt kommen täglich etwa 50 bis 70 Personen zur Ausgabe. „Es ist eine Tafel, aber es soll trotzdem ansehnlich aussehen“, sagt Sommer. Die Menschen sollen sich hier wohlfühlen.

Dass die Arbeit der Tafeln längst kein Randthema mehr ist, zeigt der Blick aufs Ganze. In Thüringen arbeiten heute nach Angaben des Landesverbands 34 Tafeln mit 68 zusätzlichen Ausgabestellen; auf der Website ist von rund 34.000 Tafel-Besuchern und einem eigenen Logistik-Zentrum für Großspenden die Rede. 

Der Landesvorsitzende Ralf Jungnickel beschreibt die Lage im Freistaat als angespannt. Gegenüber dem KURIER erklärte er, die Zahl der Bedürftigen sei konstant hoch, zugleich gehe man von weiter steigenden Bedarfen aus. Um mehr Lebensmittel vor der Entsorgung zu retten, setzt der Landesverband auch auf die Allianz für Lebensmittelrettung. Diese Initiative von Tafel Deutschland und DACHSER Food Logistics soll überschüssige Lebensmittel aus Industrie und Verarbeitung schneller an die Tafeln bringen; verteilt werden sie unter anderem über die Logistik der Landesverbände. 

Wie wichtig zusätzliche Hilfen sein können, zeigte sich im Januar. Auslöser war eine außergewöhnlich gute Kartoffelernte in Sachsen. Die Osterland Agrar AG aus Frohburg blieb auf rund 4.000 Tonnen Kartoffeln sitzen, weil sinkende Erzeugerpreise und eine zurückgegangene Nachfrage die Vermarktung erschwerten. 

Zunächst entstand gemeinsam mit der Berliner Morgenpost und der Suchmaschine Ecosia die Aktion „4000 Tonnen Kartoffeln für Berlin“. Parallel schalteten sich auch die Leipziger Volkszeitung, die Sächsische Zeitung und Tafel Sachsen ein, damit ein Teil der Ernte nicht nur in Berlin, sondern auch bei Tafeln in Sachsen und im angrenzenden Altenburger Land landet. 

In der Pressemitteilung heißt es, LVZ-Chefredakteurin Hannah Suppa und Sachsens Tafel-Landesvorsitzender Stephan Trutschler hätten sich dazu direkt abgestimmt. Transport, Personal, Koordination und Zwischenlagerung wurden laut Mitteilung durch Spendenaktionen von LVZ und Sächsischer Zeitung finanziert.

Die ersten Lieferungen gingen an die Tafeln in Torgau, Oschatz und Mittweida; weitere Standorte wie Dresden, Grimma, Leipzig und Plauen sollten im Verlauf der Woche folgen. Für Thüringen nannte die offizielle Mitteilung zunächst Altenburg, Greiz und Schmölln. Nach Angaben des Trägervereins Sozial Aktiv e.V. profitierten innerhalb des Vereinsverbunds darüber hinaus auch Standorte in Gera und Eisenberg von der Aktion.

In Altenburg kamen nach Angaben von Marion Beyer, Vorstandsmitglied von Sozial Aktiv e.V., rund zwei Tonnen Kartoffeln an. Für die Ausgabestelle in der Gablenzstraße war das ungewöhnlich viel. Normalerweise, sagt Beyer, erhalte die Tafel Kartoffeln eher in kleinen Mengen – etwa als Drei-Kilo-Netze aus regionalen Verkaufsstellen, manchmal auch gar nicht. „Wir müssen nicht alle Grundnahrungsmittel vorhalten. Wir sind kein Versorger, sondern auf Spenden angewiesen – und die sind jede Woche anders“, sagt sie. Weil die Lagerkapazitäten in Altenburg für die Großspende nicht ausreichten, wurde ein Teil der Säcke in der Außenstelle in Schmölln zwischengelagert. Marion Beyer spricht trotzdem von einer enormen Entlastung: Die Freude über die Lieferung sei groß gewesen, auch weil Kartoffeln sich gut lagern lassen und für viele Haushalte ein wichtiges Grundnahrungsmittel sind.

Im Durchschnitt werden in Altenburg nach Angaben des Trägervereins rund 300 Menschen pro Woche versorgt. Zu den Besuchergruppen zählen Rentnerinnen und Rentner, Alleinerziehende, Großfamilien, Geflüchtete und auch Erwerbstätige mit geringem Einkommen, deren Bedürftigkeit über Einkommensnachweise geprüft wird. 

Die Zusammensetzung wechsle immer wieder – etwa wenn Menschen umziehen oder nach einem Jobwechsel mehr verdienen. Konstant bleibe vor allem eine Gruppe: ältere Menschen mit kleiner Rente. Viele seien Stammkunden, sagt Marion Beyer, manche bilden sogar Fahrgemeinschaften, um zur Ausgabe zu kommen.

Nicht jede Spende, die ankommt, landet am Ende im Regal. Beyer berichtet, dass manches Gemüse nur noch mit welken Blättern oder Druckstellen abgegeben werde. Dann werde geputzt, nachsortiert und nur das ausgelegt, was noch guten Gewissens weitergegeben werden könne. Teilweise kämen auch Lebensmittel, die geringfügig über dem Mindesthaltbarkeitsdatum liegen. Was nicht mehr für Menschen taugt, verursacht wiederum Entsorgungskosten. Hilfreich sei deshalb, dass es Landwirte gebe, die Verwertbares gelegentlich noch als Tierfutter abholten. Trotzdem bleibe ein Teil Abfall – und auch der koste Geld.

Dass die Tafel immer stärker unter Druck gerät, spüren die Mitarbeiter vor Ort täglich. 

Frische Waren wie Obst seien oft besonders schnell vergriffen. Gleichzeitig versuchten viele Märkte, ihre Ware möglichst lange selbst noch zu verkaufen – auch über rabattierte Angebote für fast abgelaufene Produkte. „Dadurch bekommen wir weniger Spenden“, sagt Marion Beyer. Diese Entwicklung deckt sich mit der Einschätzung des Landesverbands Thüringen.

Zusätzliche Großspenden werden in Thüringen über das Logistik-Zentrum des Landesverbands verteilt. In Altenburg kommen solche Lieferungen meist in Form von Trockenwaren wie Konserven, Saucen oder haltbaren Produkten. Frische Ware wird dagegen überwiegend direkt in der Region eingesammelt. 

Getragen wird die Arbeit in Altenburg von wenigen festen Kräften und viel Improvisation. Drei Ehrenamtliche kommen regelmäßig, dazu drei fest angestellte Mitarbeiter sowie fünf bis sechs Kräfte über Fördermaßnahmen des Jobcenters. Die Tafel selbst gibt es in Altenburg nach Angaben der Mitarbeiterinnen seit mehr als 20 Jahren, wenn auch unter wechselnden Trägern und an unterschiedlichen Standorten. Mehrfach habe das Angebot auf der Kippe gestanden. Dass es heute unter dem Dach von Sozial Aktiv e.V. weiterläuft, ist aus Madlen Sommers Sicht alles andere als selbstverständlich.

Die größte Sorge bleibt die Finanzierung. Sprit, Miete, Nebenkosten, Gehalt der Angestellten, Reparaturen für die älteren Fahrzeuge – all das muss bezahlt werden. Einen Teil deckt die Tafel über Spenden, einen Teil über einen kleinen Obolus der Besucherinnen und Besucher für ihren Einkauf. 

Zudem wartet der Verein nach eigenen Angaben auf eine Zusage aus einem Förderprogramm des Landes Thüringen. Marion Beyer sagt, von der kommunalen Politik in Altenburg komme bislang eher wenig Unterstützung. Madlen Sommer formuliert es ähnlich. Es müsse gar nicht immer die große Summe sein, sind sie sich einig. Schon ein Tankgutschein, Material oder ein kleiner Zuschuss für Reparaturen könne viel bewirken. 

Bei aller Frustration über fehlende Hilfe überwiegt in der Tafel dennoch etwas anderes: der Wille, weiterzumachen. Marion Beyer bedankt sich ausdrücklich bei den bestehenden Sponsoren und Unterstützern. Und Madlen Sommer verweist darauf, dass die Einrichtung immer noch gebraucht werde – Tag für Tag. Wer hier am Vormittag zwischen Kisten, Obststiegen und wartenden Kunden steht, versteht schnell, was sie meint.

Anne Grahneis