Posterstein. Dort, wo im vergangenen Jahr der bisherige Kindergarten schließen musste, soll nun etwas Neues entstehen. Am 17. August eröffnet in Posterstein der neue Natur- und Waldkindergarten in der Einrichtung Am Hofgarten 11. Die Räumlichkeiten werden derzeit umgebaut und entsprechend des naturpädagogischen Konzepts gestaltet.
Möglich wurde das Projekt durch ein Interessenbekundungsverfahren der Gemeinde. Nachdem der bisherige Kindergarten im Sommer 2025 aufgrund der damaligen Rahmenbedingungen geschlossen worden war, suchte die Gemeinde nach einer neuen Nutzung für das Gebäude. Zahlreiche Ideen wurden eingereicht, drei Konzepte schafften es in die Endrunde und präsentierten sich dem Gemeinderat. Den Zuschlag erhielt schließlich die Erzieherin Ramona Seidemann.
Gemeinsam mit Lina Hupfer, die bereits Erfahrungen in einem Waldkindergarten im Allgäu sammeln konnte und nun nach Posterstein zurückkehren möchte, sowie Steffi Lange, die bereits im früheren Postersteiner Kindergarten tätig war, möchte sie einen Ort schaffen, an dem Kinder Natur mit allen Sinnen erleben können.
„Nachdem mit der Schließung im Juli 2025 viel „verbrannte Erde“ zurückgeblieben ist und sich die Eltern – den Erzählungen nach – ein Konzept wünschen, in dem sie sich willkommen und ihre Kinder wirklich gesehen fühlen, haben wir uns gemeinsam Gedanken gemacht“, erklärt Ramona Seidemann.
Ein anderer Weg für Postersteins Kinder
Dass die Wahl auf einen Natur- und Waldkindergarten fiel, kam nicht von ungefähr. Sowohl Ramona Seidemann als auch Lina Hupfer verfügen über eine Zusatzqualifikation als Fachkräfte für Natur- und Waldpädagogik. Zudem passe das Konzept hervorragend zur Umgebung mit ihren Wiesen, kleinen Waldstücken und naturnahen Strukturen.
„Unsere pädagogische Grundidee ist es, etwas Neues entstehen zu lassen – bewusst anders, eigenständig und im guten Sinne abweichend von klassischen Einrichtungen der Umgebung“, sagt Seidemann. „Ganz nach dem Gedanken: Wir gehen unseren eigenen, naturverbundenen Weg.“
Das Besondere: Die Kinder verbringen den überwiegenden Teil ihres Tages im Freien. Regen, Wind oder Schnee werden dabei nicht als Hindernisse verstanden.
„Regen, Wind oder Schnee verstehen wir nicht als Hindernis, sondern als Teil des Jahresrhythmus und als wertvolle Erfahrungsräume für die Kinder.“
Das Gebäude dient dabei als schützende Basis – als Ort des Ankommens, der Geborgenheit und des Rückzugs. Gleichzeitig schafft es die Voraussetzung für eine Ganztagsbetreuung und die Aufnahme von Krippenkindern.
Auch bei der Ausstattung setzt das Team bewusst andere Schwerpunkte. Statt auf stark funktionalisiertes Spielzeug soll auf naturbelassene und sinnlich erfahrbare Materialien gesetzt werden.
„Auf vorgefertigtes Spielzeug möchten wir bewusst verzichten, um der kindlichen Fantasie und den eigenen schöpferischen Kräften Raum zu geben.“
Bei Regen, Wind und Sonnenschein
Ein typischer Tag beginnt mit einer ruhigen Ankommenszeit – vorzugsweise im naturnah gestalteten Garten oder auf der großen Oberstreuwiese gegenüber der Einrichtung. Dort können die Kinder in Ruhe ankommen und ihren Platz in der Gruppe finden.
Anschließend folgt der Morgenkreis. Dieser orientiert sich nicht an starren Abläufen, sondern an den Jahreszeiten, den Naturerfahrungen und den Themen, die die Kinder gerade beschäftigen. Mit Liedern, Handgestenspielen und kleinen Sinnesanregungen werden Sprache und Wahrnehmung gefördert.
Nach dem gemeinsamen Frühstück beginnt die Freispielzeit. Dabei entdecken die Kinder täglich ihre Umgebung neu. Die Natur selbst wird zum wichtigsten Erfahrungs- und Gestaltungsraum.
„Die Natur selbst, mit ihren Jahreszeiten und Veränderungen, wird dabei zum zentralen Gestaltungsraum.“
Je nach Wetterlage wird anschließend draußen oder in den Innenräumen zu Mittag gegessen. Es folgt eine Ruhezeit, die – wenn es die Bedingungen zulassen – ebenfalls im Freien stattfinden kann. Für die Zukunft plant das Team zudem regelmäßige Aufenthalte an festen Naturplätzen, an denen die Kinder essen, ruhen und spielen können.
Für Krippenkinder wird der Tagesablauf angepasst. Sie benötigen nach Ansicht der Pädagoginnen einen besonders geschützten Rahmen. Deshalb steht für sie vor allem der Garten als vertrauter „sicherer Hafen“ im Mittelpunkt.
Warum Natur Kinder stark macht
Den größten Mehrwert des Konzepts sieht Ramona Seidemann in den vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten, die der tägliche Aufenthalt in der Natur bietet.
„Vor allem möchten wir die Kinder von klein auf dabei begleiten, eine wertschätzende und emotionale Beziehung zur Natur aufzubauen.“ Die Kinder sollen lernen, Pflanzen, Tiere und ihre Umwelt achtsam wahrzunehmen.
Darüber hinaus erleben die Kinder eine Form von Kindheit, die stark von eigenen Erfahrungen geprägt ist. Statt vorgegebener Spielwelten stehen selbst entwickelte Ideen und gemeinsames Entdecken im Vordergrund.
„Wir begleiten sie mit Vertrauen, ermutigen zum Ausprobieren und zur Eigeninitiative, statt mit ständiger Maßregelung.“
Nach Überzeugung der Pädagoginnen stärkt dies Selbstvertrauen, Kreativität und Resilienz. Gleichzeitig entstehen im Freien oft andere soziale Dynamiken als in geschlossenen Räumen. Kinder seien stärker aufeinander angewiesen, entwickelten gemeinsame Spielideen und kommunizierten intensiver miteinander.
Auch motorische Fähigkeiten würden durch die vielfältigen Bewegungsräume gefördert. Entgegen mancher Vorurteile zeigten Kinder aus naturpädagogischen Einrichtungen häufig einen sicheren Umgang mit Werkzeugen und Materialien.
„Unser Ziel ist es, Kinder zu begleiten, die flexibel und kreativ denken lernen – Fähigkeiten, die sowohl in der Schule als auch im späteren Berufsleben von großer Bedeutung sind.“
Kleine Gruppen, große Aufmerksamkeit
Sicherheit und Gesundheitsschutz spielen im Konzept eine zentrale Rolle. Alle Wald- und Wiesenflächen werden vorab geprüft und ausgewählt. Für die Kinder gelten klare Regeln und festgelegte Grenzen. Gleichzeitig bleiben sie jederzeit in Sicht- und Hörweite der pädagogischen Fachkräfte.
Regelmäßige Begehungen mit der Gemeinde und weiteren zuständigen Stellen sollen zusätzlich für Sicherheit sorgen.
Ein wichtiger Baustein ist zudem die bewusst kleine Gruppengröße.
„Durch die geringe Kinderzahl können wir jedes Kind individuell wahrnehmen, begleiten und auf seine Bedürfnisse eingehen.“
Studien würden zeigen, dass im Naturraum nicht mehr Unfälle passieren als in klassischen Kindertageseinrichtungen. Vielmehr entwickelten Kinder durch die täglichen Bewegungsanreize häufig eine gute Körperwahrnehmung und motorische Sicherheit.
Auch bei Kindern mit besonderem Bewegungs- oder Konzentrationsbedarf werden in der Naturpädagogik häufig positive Entwicklungen beobachtet.
Drei Fachkräfte, eine gemeinsame Vision
Das pädagogische Team bringt unterschiedliche Erfahrungen und Qualifikationen mit.
Zwei der drei Fachkräfte verfügen über die Zusatzqualifikation als Fachkräfte für Natur- und Waldpädagogik. Eine Fachkraft absolvierte darüber hinaus ein Zusatzmodul in Erlebnispädagogik. Eine weitere bringt mehrere Jahre Erfahrung in einem Waldkindergarten sowie Kenntnisse der Waldorfpädagogik mit.
„So verbinden sich Naturraumpädagogik, erlebnisorientierte Ansätze und waldorfpädagogische Elemente zu einem stimmigen Gesamtbild.“
Im Mittelpunkt stehe dabei stets die ganzheitliche Entwicklung des Kindes.
Vertrauen als wichtigste Aufgabe
Neben organisatorischen Fragen sieht das Team eine weitere Herausforderung: Familien für das neue Konzept zu gewinnen und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
„Wir möchten nicht nur Familien aus umliegenden Gemeinden einen wertvollen Ort für ihre Kinder bieten, sondern auch gezielt die Familien aus Posterstein ansprechen.“
Besonders wichtig seien dabei verlässliche Strukturen, ein neues Team sowie eine intensive, achtsame und wertschätzende Elternarbeit.
„Wir sehen jedes Kind und jede Familie als Teil einer gemeinsamen Entwicklungsgemeinschaft, in der Begegnung, Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung wachsen dürfen.“
Ein Kindergarten für das ganze Dorf und darüber hinaus
Eltern sollen sich aktiv in das Kindergartenleben einbringen können. Geplant sind die Gründung eines Elternbeirates sowie perspektivisch eines Fördervereins. Darüber hinaus sollen regelmäßige Gartentage, gemeinsame Arbeitseinsätze und Jahreszeitenfeste stattfinden.
„Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte verstehen wir als Gemeinschaft, die miteinander wächst und sich gegenseitig trägt.“
Auch Kooperationen mit regionalen Handwerksbetrieben sind vorgesehen. Kinder sollen erleben können, wie aus Rohstoffen durch Arbeit, Können und Kreativität Neues entsteht.
Zugleich möchte das Team die Einrichtung fest im Dorfleben verankern.
„Unser Natur- und Waldkindergarten soll ein Ort der Begegnung, der Bewegung und des gemeinsamen Gestaltens sein.“
Tag der offenen Tür am 22. Juli
Wer das Konzept kennenlernen möchte, hat dazu am Mittwoch, 22. Juli 2026, von 15.00 bis 17.00 Uhr Gelegenheit. Dann lädt das Team zu einem Spielenachmittag mit Kaffeetrinken auf das Gelände des künftigen Natur- und Waldkindergartens, Am Hofgarten 11, in Posterstein ein.
Interessierte Familien können sich informieren, Fragen stellen und das Team kennenlernen.
Anmeldungen für den Kindergarten werden bereits jetzt per E-Mail an [email protected] entgegengenommen.
Die Anfrage zum Konzept stellte Silke Konzag.
Fotos: © Natur- und Waldkindergarten Posterstein
