Nur zweieinhalb Jahre nach seiner Inbetriebnahme wird eines der größten Windräder Sachsens demontiert. Anwohner beklagten ein anhaltendes Brummen. Technische Nachbesserungen brachten nach ihren Angaben keine ausreichende Entlastung. Eine örtliche Bürgerinitiative dokumentierte die Geräusche, mobilisierte Einwohner und engagierte sich gegen eine zweite Anlage. Über ihren Einsatz berichteten verschiedene Medien. Da der KURIER nicht in diesem Gebiet ansässig ist, der Ort Gösdorf im Altenburger Land jedoch in Sichtweite des Windrads liegt, haben wir für diesen Artikel verschiedene Medienberichte ausgewertet und Bürger aus Oberwiera, Harthau und Gösdorf befragt. Alle im Artikel genannten Personen und Daten sind öffentlich zugänglich.
Oberwiera (Sachsen). Rund 250 Meter hoch ragt das Windrad auf der Anhöhe beim Oberwieraer Ortsteil Harthau in den Himmel. Doch das weithin sichtbare Bauwerk wird nicht einmal drei Jahre alt: Mitte Juli 2026 begann der Hersteller Vestas mit dem Rückbau. Der Betreiber, Dr. Andreas Berger, hatte die Demontage am 16. Juni beim Umweltamt des Landkreises Zwickau angezeigt. Nach Angaben des Betreibers sollen für den Rückbau keine Steuergelder eingesetzt werden. Wer die erheblichen Kosten letztlich trägt, ist bislang nicht öffentlich bekannt. Die Anlage wurde erst im Dezember 2023 in Betrieb genommen. Mit einer Nabenhöhe von 169 Metern, einem Rotordurchmesser von 162 Metern und einer Leistung von sechs Megawatt galt sie zeitweise als höchstes Windrad Sachsens. Rund zehn Millionen Euro soll das Projekt gekostet haben. Rechnerisch kann die Turbine bis zu 5.000 Privathaushalte mit Strom versorgen.
Betreiber Dr. Andreas Berger erklärte, seine Betreiberfirma und der Hersteller Vestas hätten eine Einigung erzielt. Weitere Einzelheiten zu den finanziellen Regelungen oder möglichen Gewährleistungsfragen nannten die Beteiligten nicht. Allein die Demontage und der Abtransport der jeweils 81 Meter langen Rotorblätter erfordern Spezialfahrzeuge, Straßensperrungen und eine umfangreiche logistische Vorbereitung. Die Gemeinde Oberwiera kündigte an, sich notfalls mit rechtlichen Mitteln gegen weitere aus ihrer Sicht unverhältnismäßige Planungen zu wehren. Bei künftigen Genehmigungsverfahren sollen die Auswirkungen auf die Menschen sowie Faktoren wie Standort, Abstand, Gelände und Lärmbelastung stärker berücksichtigt werden. Der Fall verdeutlicht, welche Bedeutung einer sorgfältigen Standortwahl bei Windkraftanlagen zukommt. Zugleich zeigt er, wie Bürger durch Dokumentation, Protest und politisches Engagement Einfluss auf öffentliche Entscheidungen nehmen können.
KURIER fragt nach
… beim Betreiber des Windrades: Dr. Andreas Berger von der Berger Beteiligungsgesellschaft GmbH
Um einen genauen Überblick über die Lage zu erhalten haben wir uns an den Betreiber der Anlage Dr. Andreas Berger gewandt. Unser Fragen lauteten:
1. Was ist der genaue technische Grund dafür, dass die Windkraftanlage bereits nach rund zweieinhalb Jahren wieder abgebaut wird?
2. Welche Lärmprobleme traten auf, und welche Messwerte wurden an den umliegenden Wohnhäusern festgestellt?
3. Warum konnten Reparaturen, beispielsweise der Austausch des Getriebes, das Problem nicht beheben?
4. Wie viel Strom hat die Anlage tatsächlich produziert, und wie stark wich ihre Leistung von den ursprünglichen Prognosen ab?
5. Wie hoch sind die Kosten für den Rückbau, und wer übernimmt diese – Sie, der Betreiber, der Hersteller oder eine Versicherung?
6. Was geschieht mit dem Fundament, den Rotorblättern und den übrigen Bauteilen der Anlage? 7. Welche Konsequenzen ziehen Sie aus diesem Fall für zukünftige Windenergieprojekte und für den Umgang mit betroffenen Anwohnerinnen und Anwohnern?
8. Welchen Einfluss hatte die Bürgerbewegung, die gegen die Windkraftanlage demonstriert hatte, auf die Entscheidung zum Rückbau?
Antwort Dr. Andreas Berger: Wir erhielte bis zum Redaktionsschluss keine Antwort. Sollte uns nachträglich eine Stellungnahme erreichen, werden wir diese selbstverständlich veröffentlichen.
… beim Hersteller der Vestas Deutschland GmbH
Um auch hier genaue Hintergründe zu erfragen wandten wir uns mit diesen Fragen an die Presseabteilung des Unternehmens:
1. Wie konnte eine rund zehn Millionen Euro teure Vestas-Anlage genehmigt, gebaut und in Betrieb genommen werden, obwohl sie bereits kurz danach wegen anhaltender Geräuschprobleme nur eingeschränkt betrieben werden konnte und nun nach zweieinhalb Jahren wieder abgebaut werden muss?
2. Was ist die genaue technische Ursache des Brummens, welche Bauteile sind dafür verantwortlich, und handelt es sich um einen Konstruktionsfehler, einen Produktionsfehler oder ein standortspezifisches Problem?
3. Warum führte der Austausch des Getriebes nicht zu einer ausreichenden Verbesserung, und wann wurde bei Vestas erstmals dokumentiert, dass weitere Reparaturen das Problem voraussichtlich nicht lösen würden?
4. Wurden Geländeform, Windverhältnisse und die Nähe zur Wohnbebauung vor dem Bau ausreichend untersucht, und bedeutet die Bezeichnung „standortspezifisch“, dass die Anlage für einen ungeeigneten Standort freigegeben wurde?
5. Gibt es baugleiche Anlagen mit vergleichbaren Geräuschproblemen, wurden deren Betreiber informiert, und kann Vestas ausschließen, dass ähnliche Probleme an anderen Standorten auftreten?
6. Wer trägt die Kosten und das finanzielle Risiko für Reparaturen, eingeschränkten Betrieb und Rückbau, und welche Garantie-, Haftungs- oder Kulanzregelung wurde konkret mit dem Betreiber vereinbart?
7. Wird die demontierte Anlage unabhängig technisch untersucht, werden Gutachten und Untersuchungsergebnisse veröffentlicht, und welche technischen oder organisatorischen Konsequenzen hat ihr Unternehmen aus diesem Fall gezogen?
8. Wurden mögliche gesundheitliche Auswirkungen der tieffrequenten Geräusche und des Infraschalls auf Anwohner sowie auf Nutz- und Wildtiere systematisch untersucht, insbesondere im Hinblick auf Schlafstörungen, Stressreaktionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Verhaltensände-rungen o.ä., und zu welchen Ergebnissen kamen diese Untersuchungen?
Antwort der Vestas-Presseabteilung: Bis zum Redaktionsschluss lag uns keine Antwort vor. Sollte sie noch eingehen, werden wir selbstverständlich darüber berichten.
KURIER vor Ort
Am Montag, dem 3. August 2026, besuchte der KURIER die Orte Oberwiera, Harthau und Gösdorf, um die Bürger persönlich zu ihren Erfahrungen während des Betriebs der Windkraftanlage zu befragen. Alle Befragten waren nur unter Wahrung ihrer Anonymität zu einer Aussage bereit. Als Grund nannten sie die große Medienpräsenz im Zuge der deutschlandweiten Berichterstattung. Einige Bürger verweigerten eine Auskunft vollständig.
Die Antworten der Befragten:
- Ich bin froh, dass das Windrad abgebaut wurde. Die Geräuschbelastung war für uns sehr störend. Neben den regelmäßigen Schwunggeräuschen waren auch die Geräusche des Getriebes deutlich zu hören. Das Getriebe wurde zwar ausgetauscht und die Anlage anders ausgerichtet, eine spürbare Verbesserung trat dadurch jedoch nicht ein. Nach meinem Eindruck hing die Lautstärke von der Windrichtung und der jeweiligen Ausrichtung der Anlage ab. Wenn der Bereich mit dem Getriebe zu unserem Haus zeigte, war es deutlich lauter. Wir haben sogar unser Schlafzimmer auf die andere Seite des Hauses verlegt, aber auch dort wurde es nicht ruhiger. Herr Berger hat sich die Geräusche bei uns vor Ort selbst angehört und gesagt, das geht gar nicht. Einen direkten Zusammenhang mit gesundheitlichen Beschwerden kann ich nicht bestätigen.
- Ich habe lediglich die Geräusche wahrgenommen. Sie klangen wie ein herannahendes Flugzeug. Allerdings lief das Windrad nur selten.
- Wir sind keine grundsätzlichen Gegner der Windenergie. Wir haben selbst Photovoltaik auf dem Dach und unterstützen erneuerbare Energien, wenn Anlagen verantwortungsvoll geplant werden. Was wir hier erlebt haben, war jedoch kaum auszuhalten. Selbst bei geschlossenen Fenstern (3-fach Verglasung) drang ein extrem tiefer Brummton durch unser Haus. Es war nicht nur ein Geräusch, sondern eine körperlich spürbare Schwingung – wie eine Glocke, die permanent über uns lag. Ich konnte kaum schlafen, wachte nachts mit Herzrasen auf und stand manchmal verzweifelt im Haus. Ich hätte heulen können, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Wir hatten gerade neu gebaut. Die Vorstellung, dass die Anlage dort zwanzig Jahre stehen könnte, war für uns der Super-GAU. Wir dachten ernsthaft über einen Wegzug nach und fürchteten zugleich einen Wertverlust unserer Immobilie von zwanzig bis dreißig Prozent – möglicherweise rund 200.000 Euro. Das fühlte sich wie eine regelrechte Enteignung an. Besonders enttäuschend war, dass wir uns von den Behörden (Landratsamt) allein gelassen fühlten. Obwohl wir ausführliche Schreiben verfassten und selbst Messgeräte anschafften, wurde auf Berechnungen verwiesen. Eine Messung bei uns vor Ort erfolgte nach unserer Darstellung nicht. Dabei reicht es aus meiner Sicht nicht, nur Dezibelwerte zu betrachten: Auch Tonalität, tiefe Frequenzen sowie die besonderen Bedingungen von Anlage und Standort müssen berücksichtigt werden. Dem Eigentümer rechne ich hoch an, dass er sich die Belastung bei uns persönlich angesehen und nach einer Lösung gesucht hat. Seit der Brummton verschwunden ist, geht es mir körperlich und seelisch wesentlich besser. Ich wünsche mir deshalb, dass Betroffene ernst genommen werden, Behörden tatsächlich vor Ort messen und die konkreten Auswirkungen einer Anlage prüfen. Erneuerbare Energien sind wichtig – aber sie dürfen nicht dazu führen, dass Menschen in ihrem eigenen Zuhause nicht mehr schlafen können und keinen anderen Ausweg mehr sehen, als wegzuziehen.
- Ich wohne gleich in der Nähe und wir vernahmen ständig untersehiedliche Geräusche, gesundheitliche Einschränkungen habe ich nicht bemerkt. Dennoch bin ich der Meinung, dass grüner Strom gebraucht wird und wichtig ist. Alternativen müssen gefunden werden. Der Eigner hat die Stromgewinnung als Chance gesehen und hat immer zu den Bürgern gehalten, das ist hoch anzurechnen.
- Ich bin mit meiner Tochter zum Windrad gefahren und wir stellten uns direkt unter die sehr gepflegte und sauber Anlage. Hier, wie in meinem Wohnort Schönberg haben wir nichts gehört.
- In Gösdorf haben wir keine geräusche vernommen, unser Haus und Garten befindenn sich nun wenige 100 Meter Luftlinie entfernt.
Auch im Bornaer Land rührt sich massiver Protest gegen die Windenergie-Politik
Aus dem Bornaer Land sprachen kürzlich Vertreter beim KURIER vor und baten um eine Veröffentlichung eines Offenen Briefes, den wir sinngemäß einkürzten: Die Bürgerinitiative „Gegenwind Bornaer Land“ fordert den Landtagsabgeordneten Georg-Ludwig von Breitenbuch (MdL) auf, sich gegen das geplante Repowering im Vorranggebiet 54 Borna/Thräna einzusetzen. Dort sollen drei bestehende Windkraftanlagen durch zwei bis zu 250 Meter hohe Anlagen ersetzt werden. Die nächstgelegene Wohnbebauung befindet sich nach Angaben der Initiative nur 729 Meter entfernt. Aufgrund der erhöhten Lage der Anlagen befürchten die Anwohner eine besonders starke optische Belastung der umliegenden Ortschaften.
Die Initiative verweist auf mehr als 560 Einwendungen, eine Petition mit 720 Unterschriften sowie auf ein vom Kreistag des Landkreises Leipzig beschlossenes Moratorium. Sie argumentiert außerdem, dass die Region bereits mehr erneuerbaren Strom erzeuge, als sie bilanziell verbrauche, und durch bestehende Windparks überproportional belastet sei. Zugleich bestünden Engpässe im regionalen Stromnetz, weshalb zusätzlicher Windstrom teilweise nicht abtransportiert werden könne.
Von Breitenbuch wird gebeten, sich vor dem Verbandstermin am 10. September öffentlich und im Landtag dafür einzusetzen, das Vorranggebiet 54 aus der Planung zu streichen. Außerdem lud ihn die Bürgerinitiative zu einem Vor-Ort-Termin nach Thräna ein.
Der offene Brief wurde am 16. Juli 2026 an Georg-Ludwig von Breiversandt. Bis zum heutigen Tag, dem 3. August 2026, haben die Bürger nach eigenen Angaben keine Antwort erhalten.
Fotos (3): © Christian Günther
Filmtipp:
„Wenn der Wind sich dreht“ – Seit dem 3. August 2026 ist diese Dokumentation auf YouTube verfügbar. Der zweieinhalbstündige Film begleitet Bürgerinitiativen und Experten aus ganz Deutschland dorthin, wo die Energiewende unmittelbar auf den Lebensraum der Menschen trifft. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, ob Klimaschutz notwendig ist, sondern welche Folgen die gegenwärtige Energiepolitik für Heimat, Landschaft und Biodiversität hat. Zu Wort kommen Menschen, die vor Ort für ihre Anliegen eintreten – und für das, was selbst keine Stimme hat.
Regie: Studio IN DIE GENE
Produktion: anva.design und IN DIE GENE
Postproduktion: Lakeshore Media
Koordination: Richard – der weiße Wolf und Andreas Schuster, Waldbürger Initiative Thüringen
Auftraggeber: ProVOGTLANDschaft e. V.
Dankeschön
Der KURIER möchte sich bei allen Unterstützern bedanken, die uns Fotografien zur Verfügung gestellt haben. Leider konnten wir aus Platz- und Qualitätsgründen nicht alle Bilder abdrucken. Wir bitten um Verständnis.
Die Anfragen und die Gespräche führte Silke Konzag.
