Gößnitz. Der Hochwasserschutz an der Pleiße in Gößnitz nimmt konkrete Formen an. Nach Angaben des Thüringer Landesamtes für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN) soll der erste Bauabschnitt ab August beziehungsweise September 2026 umgesetzt werden. Der zweite Abschnitt ist zeitlich versetzt ab Mitte 2027 vorgesehen. Derzeit läuft für den ersten Bauabschnitt die Ausschreibung beziehungsweise Vergabe der Bauleistungen. Das Vorhaben ist ein Projekt des Freistaates Thüringen. Das TLUBN plant und realisiert die Maßnahme in seiner Zuständigkeit für die Gewässer erster Ordnung. Eine bestandskräftige Plangenehmigung liegt bereits seit dem 1. November 2021 vor. Ziel ist es, den technischen Hochwasserschutz in Gößnitz zu verbessern und zugleich den natürlichen Hochwasserrückhalt an der Pleiße zu stärken. Die Notwendigkeit des Projekts begründet das TLUBN vor allem mit den Erfahrungen aus dem Jahr 2013. Damals wurden die bestehenden Hochwasserschutzeinrichtungen in Gößnitz überlastet. In bereits geschützten Ortsteilen kam es zu großflächigen Überflutungen. Künftig soll eine gefahrlose Hochwasserabführung gewährleistet und Schäden wie beim katastrophalen Hochwasser 2013 möglichst verhindert werden. Das Schutzziel orientiert sich an einem sogenannten Bemessungshochwasser. In der Regel wird dabei ein Hochwasser zugrunde gelegt, wie es statistisch etwa einmal in 100 Jahren vorkommt. Für Gößnitz ist dafür ein Bemessungsabfluss von 137 Kubikmetern pro Sekunde angesetzt. Die Anlagen sollen nach Angaben des TLUBN jedoch so ausgebildet werden, dass auch die Wassermengen des Hochwassers von 2013 mit 172 Kubikmetern pro Sekunde noch bordvoll abgeführt werden können. Das Projekt ist in zwei Bauabschnitte gegliedert. Der erste Bauabschnitt erstreckt sich im Stadtgebiet von Flusskilometer 63+350 bis 62+875 – zwischen dem Bereich Freiheitsplatz beziehungsweise Stadthalle im Osten, der Bahnlinie im Westen, der Bahnhofbrücke im Norden sowie der Straße Am Sand und dem angrenzenden Gewerbegebiet im Süden. Hier sind unter anderem ein Ersatzneubau einer Hochwasserschutzanlage anstelle des vorhandenen Deichkörpers im Bereich Am Sand auf etwa 150 Metern Länge sowie der Rückbau eines vorhandenen Deiches und der Neubau einer rückversetzten Hochwasserschutzwand im Bereich des Festplatzes auf rund 350 Metern Länge vorgesehen. Hinzu kommen Geländeprofilierungen und Abflachungen, um zusätzlichen Rückhalteraum für Wasser zu schaffen. Außerdem sollen in diesem Abschnitt ingenieurbiologische Maßnahmen umgesetzt werden, die die Gewässerstruktur und die Entwicklung der Pleiße verbessern. Der zweite Bauabschnitt befindet sich nördlich des Stadtzentrums in der Nähe des Bahnhofs und reicht von Flusskilometer 62+725 bis 62+300. Er wird im Westen durch die vorhandene Hochwasserschutzmauer und im Osten durch die Wohngrundstücke der August-Bebel-Straße begrenzt. Nördlich reicht der Abschnitt bis etwa 100 Meter flussabwärts der Fußgängerbrücke in Richtung Recyclinghof, südlich bis etwa zur Fußgängerbrücke am Schöpfwerk an der Goethestraße. In diesem Bereich soll das Abflussprofil auf die rechte Gewässerseite verlagert und aufgeweitet werden. Auf der linken Seite ist eine Unterhaltungsberme vorgesehen, damit die vorhandene Hochwasserschutzmauer künftig erreichbar bleibt. Rechtsseitig soll eine Verwallung entstehen, die den Freibord auch bei einem Hochwasserereignis wie 2013 gewährleistet. Zugleich ist dort eine neue Wegebeziehung geplant: Ein Rad- und Gehweg soll zwischen Goethestraße und August-Bebel-Straße entstehen und an die vorhandene Fußgängerbrücke über die Pleiße angebunden werden. Auch ökologische Verbesserungen sind Bestandteil der Maßnahme. Zwar sei eine freie Gewässerentwicklung im urbanen Raum nur begrenzt möglich, teilt das TLUBN mit. Dennoch sollen vorhandene Spielräume genutzt werden. So ist unter anderem vorgesehen, Uferbefestigungen zurückzubauen und Gewässerböschungen abzuflachen. Dadurch können sich natürliche Überschwemmungsbereiche ausbilden. Außerdem sollen Lenkbuhnen eingebaut werden, um eine geschwungenere Strömungslinie anzustoßen. Auf diese Weise könnten sich gewässertypische Kiesbänke sowie Flach- und Tiefwasserzonen entwickeln. Eine besondere Rolle spielt im Projekt auch das Jugendheim. Die Stadt Gößnitz ist nach Angaben des Bauamtes baulich vor allem bei der Umsetzung des Hochwasserschutzes am Jugendheim beteiligt. Dort ist geplant, einen Anprallschutz vor dem Gebäude anzubringen. Zudem sollen Hausanschlüsse, die sich derzeit im Keller befinden, vor die geplante Hochwasserschutzmauer beziehungsweise ins erste Obergeschoss verlegt werden. Dadurch soll der Keller später mit Beton verfüllt werden können. Außerdem ist eine Horizontalsperre vorgesehen, um das Gebäude vor aufsteigender Nässe zu schützen. Neben den eigentlichen Hochwasserschutzmaßnahmen soll das Jugendheim an das öffentliche Abwassersystem angeschlossen werden. Die vorhandene Kläranlage wird zurückgebaut. Die Stadt Gößnitz trägt laut TLUBN anteilig die Kosten für die notwendige Verlegung beziehungsweise Neuerrichtung von Medien- und Leitungsbeständen am Jugendheim. Für das Gesamtprojekt rechnet das TLUBN derzeit mit Kosten von rund 5,5 Millionen Euro. Davon entfallen etwa drei Millionen Euro auf den ersten Bauabschnitt und rund 2,5 Millionen Euro auf den zweiten Abschnitt. Finanziert wird die Maßnahme aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ von Bund und Ländern. Während der Bauzeit müssen sich Anwohner, Verkehrsteilnehmer, Fußgänger und Nutzer angrenzender Flächen auf Einschränkungen einstellen. Nach Angaben des TLUBN sind Beeinträchtigungen durch den täglichen Baustellenbetrieb, An- und Abtransport von Baumaterialien, schwere Baumaschinen, Lärm, Staub und Verkehrsbeschränkungen unvermeidlich. Um die Belastungen zu verringern, sollen in direkt angrenzenden Wohnbereichen, etwa an der Straße Am Sand, Staub- und Sichtschutzeinrichtungen aufgestellt werden. Außerdem ist eine regelmäßige Reinigung der bauzeitlichen Zufahrtsstraßen vorgesehen. Auch die Nutzung des Jugendheims kann während der Arbeiten im ersten Bauabschnitt eingeschränkt sein. Das TLUBN geht davon aus, dass es zeitweise zu einer eingeschränkten Nutzung beziehungsweise einem Nutzungsverbot kommen kann. Dazu soll es während der Umsetzung eine enge Abstimmung mit der Stadt Gößnitz geben. Für Gößnitz ist das Vorhaben damit mehr als eine reine Baumaßnahme. Es soll den Schutz der Ortslage verbessern, kritische Bereiche an der Pleiße entlasten, das Jugendheim sichern und dem Gewässer zugleich dort, wo es möglich ist, wieder mehr Entwicklungsspielraum geben. Anne Grahneis
BU Hochwasserschutz1: Das Jugendheim in Gößnitz soll nicht nur besser in Zukunft vor Hochwasser geschützt werden, sondern wird auch selbst umfangreich saniert. Foto: GH
BU Hochwasserschutz2: Blick auf die Pleiße in Gößnitz. Foto: AGr
