Altenburger Land. Das Präventionsprojekt „Policat“ begann im Dezember 2006 zunächst unter dem Titel „Nina und der Fremde“. Es entstand aus dem persönlichen Engagement von Steffen Gründel (Diplomverwaltungswirt (FH), Polizeibeamter a. D.) und Walburga Gründel-Syring (Dipl.-Ing. Papierverarbeitungstechnik (FH). Ihr Ziel war es, Kinder, Eltern sowie pädagogische Fachkräfte für mögliche Gefahrensituationen zu sensibilisieren und Kindern altersgerechte Handlungsmöglichkeiten zur gewaltfreien und körperlosen Selbstbehauptung zu vermitteln.
Bereits in den ersten gedruckten Materialien, darunter das Kniebuch und das Leseheft, war die von Steffen Gründel geschaffene Figur „Policat“ als Zeichenfigur abgebildet. Das Maskottchen beziehungsweise Plüschtier „Policat“ entstand jedoch erst am 29. Februar 2008. Gemeinsam mit der Magnettafel wurde es anschließend zu einem zentralen Bestandteil des weiterentwickelten Projektes „Policat rät! Nicht nur Schokolade!“. Den Anstoß für diese inhaltliche Erweiterung gaben Mitarbeiterinnen aus Kindertagesstätten. Sie hatten Steffen Gründel darauf hingewiesen, dass Kindern nicht nur vermittelt werden sollte, von fremden Personen keine Schokolade anzunehmen. Auch andere Gegenstände, Versprechen und vermeintlich attraktive Angebote können als Lockmittel eingesetzt werden. Diese verschiedenen Lockmittel wurden deshalb in die Präventionsarbeit aufgenommen und kamen unter anderem bei einem eigens entwickelten Würfelspiel zum Einsatz.
Seit Beginn der Projektarbeit wurden mit großem ehrenamtlichem Engagement zahlreiche Präventionsmaterialien entwickelt. Dazu gehören unter anderem ein Präventionsvideo, ein Kniebuch, ein Leseheft, eine pädagogische Handreichung, eine Magnettafel, das Würfelspiel sowie das Maskottchen „Policat“. Insgesamt beteiligten sich 73 Menschen aus dem In- und Ausland an der Umsetzung und Weiterentwicklung der Projekte. Mehr als 3.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit flossen in die Entwicklung, Gestaltung und Verbreitung der Materialien. Der Initiator und Erfinder der Präventionsprojekte, Steffen Gründel, verstarb im Jahr 2020. Sein Lebenswerk und die dazugehörigen Materialien wurden anschließend dem Landratsamt Altenburger Land übergeben. Damit wurde sichergestellt, dass seine Ideen auch über seinen Tod hinaus erhalten bleiben und weiterhin für die Präventionsarbeit mit Kindern und Familien genutzt werden können.
Ein besonders sichtbares Zeichen für die nachhaltige Bedeutung des Projektes entstand in Nobitz. Dort wurde ein Trafohäuschen mit dem Motiv der „Policat“ gestaltet. Das Kunstwerk macht nicht nur auf das Präventionsangebot aufmerksam, sondern erinnert zugleich an das außergewöhnliche ehrenamtliche Engagement von Steffen Gründel und an seinen besonderen Einsatz für den Schutz von Kindern. „Insgesamt können drei Sets im Jugendamt von den Kindereinrichtungenen ausgeliehen werden.
KURIER fragt nach
Um einen aktuellen Einblick in die Präventionsarbeit mit dem Projekt „Policat“ und darüberhinaus zu erhalten, hat der KURIER die Presseabteilung des Landratsamt Altenburger Land um eine Stellungnahme zu unseren Fragen gebeten.
Wie ist die Präventionsarbeit in den Kindergärten vor Ort derzeit organisiert, insbesondere hinsichtlich der zuständigen Einrichtungen, der Finanzierung, der Nutzung des vorhandenen PoliCat-Materials sowie der Frage, ob entsprechend geschulte ehrenamtliche Helferinnen und Helfer diese Arbeit unterstützen oder teilweise übernehmen könnten oder ob sie ausschließlich durch qualifizierte Fachkräfte durchgeführt werden sollte?
Präventionsarbeit ist eine dauerhafte gesellschaftliche Aufgabe. Das Landratsamt Altenburger Land bewertet es als wichtig, bestehende Präventionsangebote kontinuierlich fortzuführen und möglichst vielen Kindern zugänglich zu machen. Die Präventionsarbeit in den Kindergärten des Altenburger Landes wird von verschiedenen Akteuren gemeinsam getragen, die eng miteinander vernetzt sind. Dazu gehören die Einrichtungen selbst, deren Träger, die Kita-Fachberatung, das Netzwerk Kinderschutz und frühe Hilfen, die Eltern und weitere Beratungsstellen. Die Kita-Fachberatung stellt den Kindergärten beispielsweise mehrere Präventionssets zum Projekt „Policat“ zur Verfügung und unterstützt die pädagogischen Fachkräfte bei der Umsetzung des Programms. Die Durchführung erfolgt anschließend eigenverantwortlich durch die pädagogischen Fachkräfte in den Einrichtungen. Viele Kindergärten integrieren die Inhalte über mehrere Wochen in ihren pädagogischen Alltag, um nachhaltige Lernerfolge bei den Kindern zu erzielen. Darüber hinaus arbeiten die Einrichtungen im Einzelfall und themenbezogen mit weiteren Partnern zusammen. Über das Netzwerk Kinderschutz und Frühe Hilfen wurden in den vergangenen Jahren zudem pädagogische Fachkräfte aus allen Kindergärten des Altenburger Landes zu Kinderschutzfachkräften ausgebildet. Dieses Vorgehen ermöglichte eine breite Fächerung von Wissen rund um den Kinderschutz.
Sehen Sie weiteren Handlungsbedarf bei der Aufklärung und Prävention sexueller Gewalt gegen Kinder? Müsste aus Ihrer Sicht beispielsweise die Präventionsarbeit ausgebaut, die öffentliche Aufklärung verstärkt oder der gesetzliche Rahmen verändert werden?
Kinder verbringen einen Großteil ihrer Woche in Gemeinschaftseinrichtungen, wie Kindergärten und Schulen. Deshalb sind diese Orte besonders wichtig, um Präventionsarbeit frühzeitig und wirksam umzusetzen. Mit dem Projekt „Policat“ steht den Kindergärten bereits ein bewährtes Instrument zur Verfügung, um Kinder frühzeitig in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Fähigkeit zu stärken, in schwierigen Situationen angemessen zu handeln. Das Projekt verfolgt einen ganzheitlichen Präventionsansatz. Im Mittelpunkt steht die Stärkung ihrer Fähigkeit, eigene Gefühle und Grenzen wahrzunehmen, diese klar zu benennen und selbstbewusst für sich einzustehen. Darüber hinaus lernen die Kinder, Gefahrensituationen zu erkennen, angemessen zu reagieren, Unterstützung einzufordern und sich vertrauensvoll an Erwachsene zu wenden. Damit fördert das Projekt wichtige soziale und persönliche Kompetenzen, die Kindern im Alltag Orientierung und Sicherheit geben und die zugleich einen wirksamen Beitrag zur Prävention unterschiedlicher Formen von Gewalt leisten.
Eine wichtige Rolle in Bezug auf die Präventionsarbeit im Altenburger Land kommt auch der Schulsozialarbeit zu. Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter sind niedrigschwellige und vertrauensvolle Ansprechpersonen für Schülerinnen und Schüler in Grundschulen und weiterführenden Schulen. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag, beraten Betroffene, begleiten Verdachtsfälle im Rahmen ihres gesetzlichen Auftrags und arbeiten eng mit Schulen, Eltern sowie den zuständigen Fach- und Beratungsstellen zusammen. Eine verlässliche personelle Ausstattung der Schulsozialarbeit stärkt daher auch den Kinder- und Jugendschutz im Landkreis.
Darüber hinaus bleibt die regelmäßige Qualifizierung des Personals in Gemeinschaftseinrichtungen von großer Bedeutung. Pädagogische Fachkräfte in Kindergärten und Schulen müssen Anzeichen möglicher Kindeswohlgefährdungen erkennen, rechtssicher handeln und die bestehenden Schutz- und Interventionswege kennen. Fortbildungen und verbindliche Schutzkonzepte unterstützen die Einrichtungen dabei, dieser Verantwortung gerecht zu werden.
Auch der gesetzliche Rahmen bildet hierfür eine wichtige Grundlage. Mit dem Thüringer Kindergartengesetz (ThürKigaG), dem Thüringer Schulgesetz (ThürSchulG) sowie dem Bundeskinderschutzgesetz (BKiSchG), das 2012 in Kraft trat, bestehen verbindliche Regelungen zur Stärkung des Kinderschutzes und zur Zusammenarbeit der beteiligten Stellen. Das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) hat diese Vorgaben im Jahr 2021 weiterentwickelt und insbesondere die Rechte von Kindern und Jugendlichen gestärkt sowie den Schutzauftrag von Ein-richtungen und Fachkräften weiter konkretisiert. Gleichzeitig betont es die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit mit den Eltern und Erziehungsberechtigten als wichtige Partner im Kinderschutz. Diese gesetzlichen Grundlagen unterstützen Gemeinschaftseinrichtungen dabei, Präventionsmaßnahmen, Schutzkonzepte und verbindliche Handlungsabläufe dauerhaft zu verankern sowie die Kooperation mit den Familien zu stärken.
Eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern sowie weiteren Akteuren ist im Kinderschutz essenziell. Eine vertrauensvolle Elternarbeit ist eine wesentliche Säule erfolgreicher Prävention. Eltern sind die wichtigsten Bezugspersonen ihrer Kinder und tragen maßgeblich dazu bei, dass Kinder über ihre Rechte, persönliche Grenzen und Hilfsmöglichkeiten sprechen können und mit ihren Sorgen ernst genommen werden. Nur wenn Familie und Bildungseinrichtungen gemeinsam verantwortungsbewusst handeln und eng zusammenarbeiten, kann Prävention nachhaltig wirken.
Aus Sicht des Landratsamtes ist es daher von zentraler Bedeutung, bewährte Präventionsangebote langfristig zu sichern und gemeinsam mit den Kooperationspartnern kontinuierlich weiterzuentwickeln. Ebenso gilt es, pädagogische Fachkräfte in ihrer Arbeit zu unterstützen, Eltern als wichtige Partner in den Kinderschutz einzubeziehen und den Kinderschutz dauerhaft und allumfassend – über den Schutz vor sexueller Gewalt hinaus – im Alltag von Bildungseinrichtungen zu stärken.
Eine öffentliche Sensibilisierung für das Thema bleibt von großer Bedeutung, damit Eltern, Fachkräfte und das soziale Umfeld mögliche Gefährdungssituationen frühzeitig erkennen und angemessen handeln können.
Die Anfrage stellte Silke Konzag.
Anmerkungen der Redaktion
Weitere Informationen zu den Ausleihbedingungen erhalten Interessierte beim Fachdienst Jugendarbeit und Kindertagesbetreuung. Ansprechpartnerin ist Jane Kasel, Fachberaterin für Kindertageseinrichtungen. Sie ist unter der Telefonnummer 03447/ 586-527 erreichbar.
„Sollte es bei der Vergabe der Sets zu zeitlichen Überschneidungen kommen, können sich Interessierte auch direkt an Walburga Gründel-Syring wenden, da sie über ein weiteres Set verfügt. Walburga Gründel-Syring ist per E-Mail unter [email protected] kontaktierbar. Die offizielle Internetseite zum Präventionenprogramm findet man unter www.policat.de.
