Altenburg.  Als der KURIER in der Ausgabe vom 21. Februar 2026 erstmals über die Situation in der Lossener Straße berichtete, war der Fall aus Sicht der betroffenen Anwohner klar: Seit den 1990er-Jahren wünschen sie sich einen Anschluss an die Kanalisation, stattdessen nutzen sie bis heute eine Klär- beziehungsweise Sammelgrube. Eine Antwort der zuständigen Stellen lag bis zum damaligen Redaktionsschluss nicht vor. Später stellte sich heraus, dass hinter dem Schweigen kein bewusstes Wegducken, sondern ein technisches Problem stand: Die Anfrage war lief ins Leere. Nach Rücksprache mit dem Pressesprecher der Stadt Altenburg konnte die Anfrage übermittelt und an den Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsbetrieb Altenburg (WABA) weitergeleitet werden. 

Erste Antwort: „Die Grundstücke sind angeschlossen“

Die erste Rückmeldung der WABA fiel äußerst knapp aus. Auf die zentrale Frage, weshalb die Grundstücke in der Lossener Straße bis heute nicht an das öffentliche Abwassernetz angeschlossen seien, lautete die Antwort sinngemäß: Sie seien angeschlossen, die Kanalisation sei 2007/2008 neu hergestellt worden. Auch auf Nachfragen nach Planungen, Verzögerungen oder einem möglichen Verwerfen früherer Anschlusspläne verwies die WABA lediglich mit „siehe oben“ auf diese Aussage.

Für Irritation sorgte genau dieser Punkt. Denn die Darstellung der WABA stand im klaren Gegensatz zu dem, was die Anwohner schildern: Dort, wo nach WABA-Lesart ein Anschluss besteht, wird nach Angaben der Betroffenen weiterhin eine Sammel- oder Klärgrube genutzt und regelmäßig entleert. Der Eindruck drängte sich auf, dass Verwaltung und Anwohner über zwei verschiedene Dinge sprechen: Die eine Seite über die technische Erschließung eines Gebietes, die andere über den tatsächlich nutzbaren Vollanschluss eines Hauses.

Zweite Antwort: Öffentliche Leitungen liegen, die Vollumbindung fehlt aber offenbar

Erst auf eine präzisierte zweite Anfrage wurde die Darstellung differenzierter. Die WABA erklärte nun, dass mit Abschluss des zweiten Bauabschnitts in der Lossener Straße am 14. November 2008 ein Ersatzneubau im Trennsystem erfolgt sei. Das bedeutet: Schmutz- und Regenwasser werden dort getrennt geführt. Seitdem verfügten alle Grundstücke in der Straße über einen Anschluss an die öffentliche Kanalisation. Öffentlich heißt in diesem Fall allerdings nicht zwingend, dass jedes Haus vollständig auf das zentrale Netz umgebunden ist. Auf ihren Internetseiten beschreibt die WABA selbst, dass ein Grundstück, das durch einen Kanal erschlossen ist, an die öffentliche Entwässerung angeschlossen werden kann und dass für Änderungen am Anschluss und an der Grundstücksentwässerungsanlage ein gesondertes Antragsverfahren vorgesehen ist. 

Für ein konkret vom KURIER nachgefragtes Grundstück teilte die WABA mit, dass dort öffentliche Anschlusskanäle vorhanden seien, zugleich aber weiterhin eine Fäkalsammelgrube genutzt werde. Das Grauwasser werde demnach bereits in den öffentlichen Anschlusskanal eingeleitet. Die „Umbindung des kompletten Schmutzwasserpfades“ an den öffentlichen Schmutzwasserkanal sei für den Grundstückseigentümer „jederzeit möglich“, allerdings antrags- und genehmigungspflichtig.

Damit ergibt sich ein neues Bild: In der Lossener Straße scheint kein Fall völliger Nicht-Erschließung vorzuliegen. Vielmehr spricht nach den vorliegenden Antworten vieles für einen seit Jahren nicht sauber aufgelösten Zwischenzustand. Die öffentliche Infrastruktur ist vorhanden, einzelne Grundstücke sind aber offenbar nur teilweise angeschlossen. Genau an diesem Punkt laufen die Wahrnehmungen auseinander: Die WABA spricht von Erschließung und Anschlusskanälen, die Anwohner erleben weiterhin die Abhängigkeit von der Klärgrube.

Eine Vorgeschichte, die bis 1994 zurückreicht

Die WABA selbst verweist auf diese lange Vorgeschichte. Viele Grundstücke in der Straße, heißt es, verfügten über ältere Abwasservorbehandlungsanlagen, die nicht mehr dem Stand der Technik entsprächen. Von einer Sanierung dieser Bestandsanlagen sei aber abgesehen worden, weil der Anschluss an die zentrale Kläranlage seit Mitte der 1990er-Jahre kurz- bis mittelfristig geplant gewesen sei. Durch die wiederholte Verschiebung einer ersten Sanierungsanordnung vom 12. Dezember 1994 habe für die Grundstückseigentümer über Jahre keine Planungssicherheit bestanden.

Gerade dieser Punkt ist bemerkenswert. Denn er bestätigt im Kern, was die Anwohner schildern: dass ihnen über viele Jahre hinweg signalisiert wurde, ein zentraler Anschluss stehe bevor. Wenn dann 2008 zwar öffentliche Leitungen gebaut und Anschlussprotokolle erstellt wurden, die vollständige Umstellung auf dem Grundstück aber bis heute ausblieb, drängt sich eine Frage auf, die auch die WABA-Antworten nicht abschließend beantworten: Wer hätte diesen letzten Schritt in welcher Form zu welchem Zeitpunkt veranlassen müssen und wurde das den Betroffenen jemals klar und unmissverständlich kommuniziert?

Das 900-Euro-Rohr war wohl nicht der Vollanschluss

Zu den Punkten, die die Betroffenen besonders verärgern, gehört das Geld, das sie vor Jahren für vorbereitende Maßnahmen zahlten. In der ersten Antwort verwies die WABA hierzu auf die Beitrags- und Gebührensatzung zur Entwässerungssatzung, nach der die Stadt Beiträge zur Deckung des Aufwandes für Herstellung und Anschaffung der öffentlichen Entwässerungseinrichtung erhebt. Auf Grundlage der zweiten Antwort liegt der Schluss nahe, dass es sich bei den damaligen Arbeiten um die Herstellung beziehungsweise Vorbereitung des öffentlichen Anschlusses bis zur Grundstücksebene handelte – nicht aber um die vollständige hausinterne Umbindung aller Schmutzwasserstränge. Diese Interpretation erklärt, warum Bewohner einerseits für Rohre zahlten und das Gebiet andererseits aus Sicht der WABA seit 2008 als erschlossen gilt, obwohl sich am praktischen Alltag mit Grube zunächst wenig änderte.

Auch die Gebührenfrage blieb unbefriedigend

Nicht weniger unerquicklich fiel die Antwort auf die Gebührenfrage aus. Die Anwohner hatten nachvollziehbar nachgehakt, warum im Zuge der Abwasserdebatte nicht nur Schmutzwasser, sondern auch Niederschlagswasser und die Entsorgung von Fäkalschlamm so deutlich teurer wurden. Die WABA verwies hierzu lediglich darauf, dass diese Positionen mit der Satzungsänderung zum 1. Januar 2025 angepasst worden seien und die Diskussion der Gründe bereits öffentlich stattgefunden habe.

Eine allgemein verständliche Erklärung für Leser, warum gerade diese Posten ebenfalls mit angehoben wurden, blieb die WABA dagegen schuldig. Öffentlich nachvollziehbar ist immerhin: Die Stadt hatte angekündigt, dass die beschlossenen Erhöhungen mit Genehmigung der Kommunalaufsicht und Veröffentlichung im Amtsblatt in Kraft treten. Eine gesonderte schriftliche Information jedes einzelnen Haushalts ist dafür nicht erforderlich. Die aktuell veröffentlichten Gebühren weisen unter anderem 2,15 Euro je Kubikmeter Niederschlagswasser und 97,41 Euro je Kubikmeter Fäkalschlamm aus; bei letzterem soll der Rauminhalt laut veröffentlichter Gebühreninformation der Stadt Altenburg „mit einer geeigneten Messeinrichtung“ festgestellt werden. 

Zum Einwand der Anwohner, an den Entsorgungsfahrzeugen sei keine für sie erkennbare Mengenanzeige mehr vorhanden, erklärte die WABA lediglich, die vom beauftragten Entsorgungsunternehmen eingesetzten Fahrzeuge verfügten über Schwimmeranzeigen, also Füllstandsanzeigen mit Zeiger.

Kein Einzelfall, aber eine Minderheit

Die WABA machte in ihrer ersten Antwort außerdem deutlich, dass die Lossener Straße kein völlig isolierter Fall ist. Nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossene Grundstücke gebe es insbesondere in kleineren Ortsteilen wie Altendorf, Greipzig, Steinwitz, Zschaiga, Kürbitz und Modelwitz. Der Anschlussgrad an das Kanalnetz liege in Altenburg insgesamt bei 98,7 Prozent, Stand 31. Dezember 2024.

Gerade weil die große Mehrheit der Stadt längst am Netz hängt, fallen ungeklärte Sonderlagen wie in der Lossener Straße umso mehr auf. Dort bleibt nach den jetzt vorliegenden Antworten ein Eindruck zurück, der sich nur schwer abschütteln lässt: Auf dem Papier ist vieles erledigt, in der gelebten Praxis aber längst nicht alles geklärt.

Anne Grahneis