Berlin. Nach seiner China-Reise kritisiert Bundeskanzler Friedrich Merz die deutsche Debatte über Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche. Seine Botschaft: Deutschland müsse wieder mehr leisten. Doch der Vergleich mit China greift zu kurz. Chinas Stärke liegt nicht nur in längeren Arbeitstagen — sondern in Tempo, Strategie und Umsetzung.
Als Merz aus China zurückkehrte, brachte er eine deutliche Botschaft mit. Deutschland sei „einfach nicht mehr leistungsfähig genug“, sagte er bei einem CDU-Wahlkampfauftritt in Hessen. Wer aus China komme, habe noch einmal deutlicher das Gefühl, „dass mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche der Wohlstand in unserem Land auf Dauer nicht zu erhalten ist“. Man müsse „jetzt einfach mal ein bisschen mehr tun“. Das Video verbreitete sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in China rasant. Merz trifft damit einen Nerv. Deutschland steckt wirtschaftlich seit Jahren in der Unsicherheit: schwaches Wachstum, Fachkräftemangel, hohe Energiepreise, Investitionsstau, Bürokratie. Die Sorge, ob der Wohlstand dauerhaft zu halten ist, ist also nicht aus der Luft gegriffen. Schon im Januar hatte Merz vor Bäckern gefragt, ob die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg über Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche gesprochen hätten — oder ob sie die Ärmel hochgekrempelt und angepackt hätten.
Doch die eigentliche Frage ist: Zieht Merz aus dem China-Vergleich die richtige Lehre?
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Ja, im Durchschnitt arbeiten Erwerbstätige in Deutschland vergleichsweise wenige Stunden pro Jahr. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bezifferte die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro Erwerbstätigem für 2024 auf rund 1.332 Stunden. Aber diese Zahl erzählt nur die halbe Geschichte. Vollzeitbeschäftigte in Deutschland arbeiteten 2024 im Schnitt 40,2 Stunden pro Woche — fast exakt so viel wie der EU-Durchschnitt von 40,3 Stunden.
Der niedrige Durchschnitt entsteht vor allem durch Teilzeit. 2024 arbeiteten 49 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit, bei Männern waren es 12 Prozent. Dahinter steckt nicht nur Freizeitwunsch, sondern oft unbezahlte Sorgearbeit. Frauen leisten in Deutschland im Schnitt rund neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit pro Woche als Männer — für Kinder, Pflege, Haushalt und Organisation. Wer also pauschal fordert, „die Deutschen“ müssten mehr arbeiten, muss auch fragen, wer im Alltag schon heute wie viel arbeitet — nur eben nicht bezahlt. Hinzu kommt: Ein Teil des Arbeitskräftepotenzials wäre durchaus aktivierbar. Laut Bundesfamilienministerium wären 45 Prozent der Mütter bereit, ihre Arbeitszeit zu erhöhen, wenn sich die betrieblichen Bedingungen verbessern würden. Im Durchschnitt würden sie ihre Wochenarbeitszeit auf 33 Stunden anheben. Work-Life-Balance ist damit nicht zwingend das Gegenteil von Leistung. Sie kann die Voraussetzung dafür sein, dass Menschen überhaupt mehr Erwerbsarbeit leisten können.
Der Blick nach China zeigt zunächst tatsächlich eine andere Arbeitswelt. Nach Angaben des chinesischen Statistikamtes arbeiteten Beschäftigte in Unternehmen 2025 durchschnittlich 48,6 Stunden pro Woche. Bekannt wurde vor allem das sogenannte „996“-Modell: arbeiten von 9 bis 21 Uhr, sechs Tage die Woche. Doch selbst in China ist dieses Modell umstritten. Chinas Oberster Volksgerichtshof erklärte 2021, exzessive Überstundenpraktiken wie 996 könnten illegal sein.
China einfach als Vorbild für mehr Arbeitseinsatz zu nehmen, wäre deshalb zu schlicht. Denn Chinas Aufstieg lässt sich nicht allein mit Fleiß erklären. Genau diesen Punkt greifen auch chinesische Stimmen in sozialen Netzwerken auf wie die in Deutschland lebende Unternehmerin und Content-Creatorin Moonie Zhu (@moonie_etalk). Sie widerspricht Merz nicht darin, dass China mit hohem Tempo vorangeht. Doch sie sieht den entscheidenden Unterschied weniger in längeren Arbeitszeiten als in den Strukturen: schnellere Entscheidungen, konsequente Digitalisierung, klare industrielle Prioritäten und die Bereitschaft, Dinge auszuprobieren, Fehler schnell zu korrigieren und weiterzumachen. Ihr Fazit: „Working harder inside a slow system doesn't make you competitive. It just makes you tired.“ Sinngemäß: In einem langsamen System härter zu arbeiten, macht nicht wettbewerbsfähig – es macht nur müde. Ähnlich zugespitzt formuliert es der unter dem Namen Wen auftretende Creator (@wendaoismus). Er bedauere, dass Merz aus seiner China-Reise offenbar nicht gelernt habe, wie Deutschland Digitalisierung beschleunigen, Bürokratie abbauen oder Effizienz steigern könne. Stattdessen bleibe als Botschaft hängen: Die Deutschen seien selbst das Problem, weil sie angeblich zu wenig arbeiteten. Sein Bild ist drastisch: Ein Kapitän, der trotz beschädigtem Schiff den Ruderern vorwirft, zu langsam zu sein.
Diese Kritik trifft einen wunden Punkt. Denn wer heute in Deutschland arbeitet, kennt das Problem oft aus dem Alltag: Formulare statt digitaler Prozesse, lange Genehmigungsverfahren, schleppende Entscheidungen, zersplitterte Zuständigkeiten, veraltete Technik. Mehr Arbeitsstunden lösen diese Probleme nicht automatisch. Wenn Verwaltung, Unternehmen und Politik langsam bleiben, führt mehr Arbeit nicht zwingend zu mehr Wohlstand, sondern womöglich nur zu mehr Erschöpfung.
Auch ökonomisch ist der Zusammenhang komplizierter, als Merz’ Satz nahelegt. Entscheidend ist nicht nur, wie lange Menschen arbeiten, sondern wie produktiv sie in dieser Zeit sein können. Produktivität entsteht nicht allein durch Anwesenheit, sondern durch gute Organisation, moderne Technik, Investitionen, Bildung und klare Rahmenbedingungen.
Merz hat recht, wenn er sagt, dass Wohlstand nicht selbstverständlich ist. Aber vielleicht lautet die unbequemere Frage nach dieser Reise nicht, ob die Menschen hierzulande zu wenig leisten. Sondern ob Deutschland es denen, die leisten wollen, zu schwer macht, schnell, sinnvoll und produktiv zu arbeiten.
Denn härter zu rudern hilft wenig, wenn das Schiff kaputt ist.
Anne Grahneis
Foto. KI-assistiert
