Braunshain. Die Geschichte des Kalten Krieges wurde nicht nur in Berlin, Moskau oder Washington geschrieben. Auch im Altenburger Land gab es Orte, die Teil der militärischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West waren. Einer davon war die Funktechnische Kompanie 274 in Gleina mit der dazugehörigen Radarstation in Dobra. Dort versah Reinhard Hermann Etzold aus Braunshain Anfang der 1970er-Jahre seinen Dienst. Heute blickt er auf eine Zeit zurück, die von militärischer Verantwortung, Familienglück und außergewöhnlichen Begegnungen geprägt war.
1968: Ein junger Mann entscheidet sich für sechs Jahre Dienstzeit
1968 war ein Jahr großer politischer Umbrüche. Während in der Tschechoslowakei der sogenannte Prager Frühling Hoffnungen auf Reformen weckte, marschierten im August Truppen des Warschauer Paktes in Prag ein. Die Spannungen des Kalten Krieges waren überall spürbar.
In dieser Zeit wurde der damals 18-jährige Reinhard Herrmann Etzold zur Musterung nach Schmölln einberufen. Er entschied sich freiwillig für eine sechsjährige Dienstzeit bei den Luftstreitkräften und der Luftverteidigung der DDR. Im November 1968 begann gemeinsam mit seinem Schulfreund Bernd Burkhardt aus Lumpzig die Ausbildung an der Unteroffiziersschule in Brück bei Potsdam. Ziel war die Ausbildung zum Fernsprechtruppführer.
Nach erfolgreichem Abschluss wurde Reinhard H. Etzold zum Nachrichtenbataillon 31 nach Kolkwitz bei Cottbus versetzt. Dort befand sich der Gefechtsstand der 1. Luftverteidigungsdivision in einem mehrstöckigen Bunker tief unter der Erde. Als Unteroffizier führte er einen Nachrichtentrupp und übernahm zusätzlich die Verantwortung für die Waffenkammer. Eine Aufgabe, die ihn während seiner gesamten Dienstzeit begleiten sollte.
Alltag im Kalten Krieg
Der Dienst in Kolkwitz bestand aus Schichtbetrieb rund um die Uhr. Die Soldaten überwachten den Luftraum, stellten Nachrichtenverbindungen sicher und arbeiteten im Gefechtsstand. Dort zeichneten sogenannte Planzeichner die Flugbewegungen auf große Plexiglasscheiben, damit die diensthabenden Offiziere den Luftverkehr verfolgen konnten.
Neben aller Disziplin gab es auch Momente, die bis heute für Schmunzeln sorgen. Während einer feierlichen Vergatterung brachte ein Kamerad Reinhard H. Etzold durch Grimassen zum Lachen. Das Ergebnis war eine Strafarbeit im Heizhaus beim Kohleschippen. Solche Geschichten gehörten ebenso zum Soldatenalltag wie nächtliche Wachdienste oder Übungen unter realitätsnahen Bedingungen.
1970: Zwischen Bunker, Lazarett und Hochzeit
Das Jahr 1970 sollte zu einem der wichtigsten in seinem Leben werden.
Im Mai nahm seine Einheit an einer Übung teil, bei der ein Kernwaffenangriff des Gegners simuliert wurde. Drei Tage verbrachten die Soldaten im Führungsbunker der 1. Luftverteidigungsdivision. Die hygienischen Bedingungen waren äußerst schwierig. Kurz darauf erkrankte Etzold an einer seltenen Form der Schuppenflechte und musste ins Lazarett auf dem Flugplatz Cottbus eingewiesen werden.
Dort besuchte ihn seine Verlobte Ursula Heinke aus Zweitschen. Beim Abschied machte sie ihm eine Mitteilung, die alles verändern sollte: Sie sei wahrscheinlich schwanger.
Wenige Monate später stand die Hochzeit bevor. Doch eine Urlaubssperre in der Einheit gefährdete die Pläne. Erst nach persönlicher Genehmigung durch den Bataillonskommandeur erhielt Reinhard H. Etzold fünf Tage Sonderurlaub. Am 31. Oktober 1970 heirateten Ursula und Reinhard. Gefeiert wurde im Rosengarten in Rolika.
1971: Rückkehr in die Heimatregion
Mit der Geburt des Sohnes André am 8. Februar 1971 änderten sich die Prioritäten des jungen Familienvaters. Er wollte näher bei seiner Familie sein.
Die Chance bot sich in Gleina. Dort befand sich die Funktechnische Kompanie 274, die zur Luftverteidigung der DDR gehörte. Nach einem Versetzungsantrag wurde Reinhard H. Etzold von Cottbus nach Gleina versetzt. Für ihn bedeutete dies die Rückkehr ins Altenburger Land.
Von Braunshain aus fuhr er nun täglich mit dem Fahrrad zum Dienst. Die Strecke führte über Schwanditz, Nöbden, Röthenitz und Ilsitz nach Gleina. Sein Fahrrad war ein altes Vorkriegsmodell seines Vaters Hermann. Wegen seines Gewichts nannte er es scherzhaft „Eisenschwein“. Rund neun Kilometer legte er damit regelmäßig zurück.
Gleina und Dobra: Ein verborgenes Auge des Kalten Krieges
Kaum jemand im Altenburger Land wusste damals, welche Bedeutung die militärischen Anlagen in Gleina und Dobra tatsächlich hatten.
Die Funktechnische Kompanie 274 gehörte zu den Radareinheiten der Luftstreitkräfte. Die dazugehörige Funkmessstation Dobra galt als eine der leistungsfähigsten Anlagen ihrer Art in der DDR. Mit sowjetischer Technik wurden von hier aus Flugbewegungen über weite Teile Mitteleuropas erfasst. Die Überwachung reichte bis nach Frankreich, in die Benelux-Staaten und nach Dänemark. Auch die Luftkorridore nach West-Berlin wurden beobachtet.
Für Reinhard H. Etzold bedeutete dies eine verantwortungsvolle Tätigkeit. Er war für die Waffenkammer zuständig, betreute den Nachrichtenbereich und koordinierte verschiedene Funkfahrzeuge. Gleichzeitig profitierte die Einheit von seinem erlernten Beruf als Maurer.
Als Schutzunterstände für die empfindliche Radartechnik gebaut werden sollten, wurde er mit organisatorischen Aufgaben betraut. Dabei zeigte sich, dass Improvisation oft wichtiger war als Dienstvorschriften. Als auf der Baustelle Schweißelektroden fehlten, organisierte er gemeinsam mit seinem Vater kurzfristig Ersatz aus einem Wismut-Betrieb bei Ronneburg. So konnten die Bauarbeiten ohne größere Verzögerungen fortgesetzt werden.
Auch die Region war indirekt mit dem Standort verbunden. Handwerker, Bauunternehmen und Zulieferer aus dem Altenburger Land arbeiteten zeitweise für die militärischen Anlagen. Viele Einwohner sahen die Antennen und Fahrzeuge täglich, kannten jedoch die eigentliche Aufgabe der Einrichtung nicht.
Begegnungen mit der DDR-Spitze
Neben seinem militärischen Dienst engagierte sich Reinhard H. Etzold als FDJ-Sekretär seiner Einheit. Dadurch wurde er mehrfach zu wichtigen Veranstaltungen delegiert.
Zu den Höhepunkten gehörten Konferenzen in Trollenhagen, Strausberg und Dresden. Besonders beeindruckend war für ihn die Teilnahme an der Parteidelegiertenkonferenz der NVA im Dresdner Kulturpalast.
Dort wurde er als jüngstes Delegationsmitglied dem damaligen Staats- und Parteichef Erich Honecker vorgestellt. Honecker hielt ihn zunächst für einen Piloten. Erst ein General erklärte, dass der junge Mann aus Braunshain als Nachrichtensoldat bei den Luftstreitkräften diente. Später erschien sogar ein Foto dieser Begegnung in der Zeitschrift „Volksarmee“, was in Gleina und Braunshain für einige Aufmerksamkeit sorgte.
Auszeichnung für die Radarstation Dobra
Ein weiterer Höhepunkt war die Auszeichnung der Funkmessstation Dobra mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold.
Zur Verleihung landete General-oberst Heinz Keßler, Chef der Luftstreitkräfte und Luftverteidigung, persönlich mit dem Hubschrauber auf dem Gelände. Für die Soldaten war dies ein außergewöhnliches Ereignis. Die Auszeichnung galt als Anerkennung für die Leistungen bei der Überwachung des Luftraums während der Hochphase des Kalten Krieges.
Abschied von der Uniform
Im Oktober 1974 endete die sechsjährige Dienstzeit bei der NVA. Ein Grund war auch die Geburt des zweiten Sohnes Falko Etzold am 12. Februar 1972, den Wehrdienst nicht mehr zu verlängern. Für Reinhard H. Etzold schloss sich damit ein bedeutendes Kapitel seines Lebens.
Lange blieb er jedoch nicht ohne Uniform. Bereits wenige Wochen später wechselte er zur Volkspolizei nach Schmölln. Dort begann am 1. November 1974 seine Laufbahn als Hauptwachtmeister. Damit blieb er seiner Heimatregion verbunden und setzte seinen beruflichen Weg im Dienst des Staates fort.
Erinnerungen an eine besondere Zeit
Mehr als fünf Jahrzehnte später sind viele Gebäude der damaligen Militärstandorte verschwunden oder haben eine neue Nutzung gefunden. Die Erinnerungen von Reinhard Etzold bewahren jedoch ein Stück Regionalgeschichte.
Seine Erlebnisse erzählen nicht nur von Kasernen, Radarstationen und militärischen Übungen. Sie berichten von einem jungen Mann aus Braunshain, der in den Jahren des Kalten Krieges Verantwortung übernahm, eine Familie gründete und an einem der bedeutendsten militärischen Standorte des Altenburger Landes diente.
So wird aus persönlicher Erinnerung zugleich ein lebendiges Kapitel regionaler Zeitgeschichte.
Die KURIER-Redaktion
Anmerkung der Redaktion
Wer tiefer in die Materie einsteigen möchte, kann sich gerne mit dem KURIER in Verbindung setzen. Wir stellen den Kontakt zu Herrn Etzold her.
Für unser Projekt „Zeitzeugen erinnern sich“ suchen wir außerdem Menschen, die ihre beruflichen Erfahrungen und Erinnerungen mit uns teilen möchten. Jede persönliche Geschichte trägt dazu bei, wichtige Lebens- und Arbeitswelten für kommende Generationen zu bewahren.
Interessierte können sich gerne per E-Mail an [email protected] wenden.
BU-Foto (Zeitzeuge Reinhard Hermann Etzold):
Unterfeldwebel Reinhard Her-mann Etzold 1972 in der FutK274 in Gleina.
BU-Foto (Zeitzeuge 1):
Vor dem Stabsgebäude der FutK274 in Gleina zum Apell. Oberleutnant Nitsche meldet dem Kompaniechef Major Pfeifer die Kompanie ist angetreten zum Befehlsempfang (1968-1974).
BU-Foto (Zeitzeuge 2):
Die Offiziere und Unteroffiziere vor dem Stabsgebäude der FutK274 (1968-1974). Der Pfleil zeigt auf Reinhard Hermann Etzold.
BU-Foto (Zeitzeuge 3):
Die Offiziere und Unteroffiziere vor dem Stabsgebäude der FutK274 (1968-1974). Der Pfleil zeigt auf Reinhard Hermann Etzold.
BU-Foto (Zeitzeuge 4):
Empfang von Erich Honnecker zur VIII. Parteidelegiertenkonferenz vom 22. bis 23. Mai 1971 in Dresden. Am Fotorand (l.) Reinhard H. Etzold, er war der jüngste Delegierte mit beratender Stimme.
BU-Foto (Zeitzeuge 5):
Gespräch mit Genosse Honnecker während einer Konferenzpause – Das Foto erschien 1972 in der Zeitschrift „Volksarmie“ als ich noch in der FutK274 in Gleina war.
BU-Foto (Zeitzeuge 6):
Teilnehmer der Konferenz im neugebauten Saal des Kulturpalast in Dresden.
BU-Foto (Zeitzeuge 7):
Gespräch mit Generalmajor Hampf zur Delegiertenkonferenz der LSK/LV vom 29. und 30. April 1971 in Straußberg.
