Schmölln/Süppling. Natürlich, liebe Leser, haben Sie den Fehler bemerkt, denn richtig muss es heißen: „Und der Himmel hängt voller Geigen“. Das zauberhafte Walzerlied stammt aus der Operette „Der kleine Augustin“ von Leo Fall aus dem Jahr 1912. Unter anderem sangen Rupert Glawitsch und Anneliese Rothenberger diesen beliebten Operettenhit. 

Doch nun zurück ins Hier und Jetzt.

Mitte April 2026 luden Frank Lillie und die Geschäftsleitung des Seniorenheims „Am Brückenplatz“, vertreten durch Kati Strobel, den KURIER zu einem ganz außergewöhnlichen musikalischen Termin ein. 

Alltagsbegleiter aus Schmölln und Löbichau erlernten mit großer Begeisterung – und ganz ohne Vorkenntnisse – Gitarre zu spielen, um ihren Senioren eine besondere Freude im Alltagsgeschehen zu bereiten.

Zur Person Frank Lillie

Frank Lillie, 65 Jahre jung, stammt aus dem niedersächsischen Süpplingen bei Helmstedt. Ich spiele mehrere Instrumente, unter anderem Gitarre und Akkordeon, und bin in verschiedenen Bands aktiv, wie in der Bigband der Bundeswehr. Außerdem trete ich nebenberuflich als Alleinunterhalter und Zauberer auf. Musik begleitet mich schon seit meinem 13. Lebensjahr.

„Ursprünglich bin ich gelernter Zahntechniker. Diese Branche wurde 2006 faktisch gegen die Wand gefahren. Damals war ich Anfang 40, hatte eine junge Familie und einen Haufen Schulden. Meine Frau, die inzwischen verstorben ist, sagte zu mir: ‚Geh ins Seniorenheim und arbeite als Alltagsbegleiter. Bring den Senioren deine Musik näher – das wird ihnen sicher gefallen.‘

Anfangs wollte ich diesen Schritt nicht gehen, weil ein Seniorenheim für mich die letzte Station des Lebens darstellte. Doch bevor ich in Hartz IV rutsche, habe ich es ausprobiert und innerhalb eines Vierteljahres eine Ausbildung zum Alltagsbegleiter absolviert.

Wenn ich in die Zukunft schaue, wird sich auch diese Arbeit in Pflegeheimen verändern. Die aktuelle Generation von Bewohnern wird in 10 bis 15 Jahren nicht mehr da sein – und unsere Generation hat ganz andere Vorstellungen davon, wie Beschäftigung aussehen soll. Klassische Angebote wie Bingo oder Basteln werden dann nicht mehr ausreichen. Musik, Bewegung und gemeinschaftliche Aktivitäten, wie Kegeln werden wichtige Bausteine sein, um Menschen wirklich zu erreichen“, erklärte Frank Lillie eingangs.

 

„Ich möchte zeigen, 

dass es möglich ist, 

betagte und demente

Menschen mehr 

zu mobilisieren, als es heute üblich ist. 

Diese Menschen 

über 80 Jahre haben 

Deutschland aufgebaut und sie werden vergessen,

dass tut mir unendlich leid.“

 

Frank Lillie, 

Alltagsbegleiter und Musiker

 

Herr Lillie, wie ist es möglich, dass die Alltagsbegleiter und die Senioren innerhalb kürzester Zeit Gitarre spielen können?

Durch mein musikalisches Gespür und meine Erfahrung als Alleinunterhalter kann ich Stimmungen und Empfindungen sehr gut wahrnehmen. Schon in den ersten Sekunden meiner musikalischen Darbietung merkte ich, dass ich die Bewohner mitten ins Herz treffen kann. Die Teilnehmer wurden aus ihrer Lethargie befreit, begannen zu spielen und ihre Augen glänzten. Musik belebt die Menschen – wird es still, „schlafen sie wieder ein“.

Eines Nachts, es muss 2012 gewesen sein, kam mir eine Idee: Gitarren kann man unterschiedlich stimmen, also die Saiten auf andere Töne einstellen. Da die Bewohner nicht greifen können, stimmte ich verschiedenen Gitarren in C-Dur, eine in F-Dur und eine in G-Dur und sie konnten problemlos gemeinsam spielen. Mit dieser Voraussetzung, meiner Anleitung und einem Übungsheft konnten die Bewohner innerhalb einer Stunde zwei Musikstücke spielen. Spaßeshalber sagte ich: „Wenn ihr weiter so übt, schaffen wir es irgendwann ins Fernsehen.“ Das haben sie ernst genommen.

Wie ging es weiter?

In einem Türkei-Urlaub im Jahr 2017 erzählte ich einem Miturlauber von meiner Grundidee und den Erfolgen meiner Arbeit mit Senioren. Seine Mutter war an Demenz erkrankt, und meine Schilderungen berührten ihn so sehr, dass er mir von einem Projekt berichtete. Daraufhin schickte ich ihm entsprechendes Material zu.

Er arbeitete bei der Swiss Life Stiftung in Hannover, und sein Vorgesetzter war von der Idee begeistert. Die Stiftung schrieb regelmäßig einen Förderpreis für besondere Projekte aus. Aufgrund meines Projekts wurde sogar der Einsendeschluss verlängert.

Ich selbst rechnete mir keine großen Chancen aus und war völlig überrascht, als ich den ersten Platz belegte und 10.000 Euro gewann. Mit dem Preisgeld wurde anschließend ein Kamerateam in einem Seniorenheim organisiert, das einen Film für das Intranet produzierte.

Damals sagte jemand zu mir: „Was du machst, ist genial und zugleich simpel.“

Wie halten Sie sich selbst und die Senioren während des Alltags fit?

Ich bin selbst sportlich aktiv und habe daher organisiert, dass der Kegelsport als Sturzprophylaxe in den Wochenablauf der Senioren integriert wird. Für uns Mitarbeiter bedeutete das jedoch, dass wir uns ständig bücken mussten, um die Kegel wieder aufzustellen – eine schweißtreibende Aufgabe.

Deshalb überlegte ich, wie sich dieser Ablauf verbessern ließe.

Zunächst besorgte ich mir eine Tischplatte vom Sperrmüll, bohrte Löcher hinein und zog Fäden hindurch, an denen die Kegel befestigt waren. Die Konstruktion war noch recht instabil, aber ich tüftelte weiter daran. Nach drei bis vier Jahren entstand schließlich mit Unterstützung der Lebenshilfe und mithilfe moderner CNC-Technik eine ausgereifte Kegelanlage.

Das Besondere an dieser Anlage ist, dass nun auch Bewohner im Rollstuhl problemlos mitspielen können. Zusätzlich entwickelte ich eine Abrollrampe und einen Ballaufheber. Über ein Drehrad werden die Kegel automatisch wieder aufgestellt – etwa zehnmal schneller als von Hand. Dadurch kommen die Bewohner häufiger zum Zug, der Spielspaß steigt und gleichzeitig werden die Mitarbeiter spürbar entlastet.

Inzwischen vertreibe ich diese Anlagen auch, allerdings ist es nicht einfach, Zugang zu Pflegeeinrichtungen zu bekommen.

Sie haben im Vorgespräch erwähnt, dass Sie die Zusage für Dreharbeiten vom ZDF-Format „37 Grad“ hatten. Wie kam es dazu und was ist daraus geworden?

Über Umwege sprach mich ein Kameramann der ZDF-Sendung „37 Grad“ an. Nach Rücksprache bot er mir an, einen Beitrag über mich zu drehen. Geplant waren 14 Drehtage, die meine Gitarren-schulung, mein Privatleben sowie die Kegelanlage umfassen sollten.

Ich hatte bereits Einverständniserklärungen von allen Angehörigen und Bewohnern des Heims eingeholt, dennoch verweigerte meine Chefin die Drehgenehmigung, und anstelle eines Dankes erhielt ich sogar eine Abmahnung.

Arbeiten Sie noch in diesem Seniorenheim? 

Nein. Als meine Frau im Jahr 2023 an Krebs erkrankte und am ersten Weihnachtsfeiertag verstarb, verlor ich nur acht Wochen später auch meine Mutter an diese Krankheit. Kurz zuvor hatte ich zudem eine fristlose Kündigung erhalten. Man riet mir, mich krankschreiben zu lassen, doch das war mir nicht möglich, da ich aufgrund meiner musikalischen Verpflichtungen Vertragsstrafen hätte zahlen müssen. Stattdessen nahm ich für einzelne Auftritte Urlaubstage in Anspruch. Die meisten Termine hatte ich ohnehin abgesagt, um für meine Frau da sein zu können.

Nach diesen schweren Schicksalsschlägen ging ein Jahr lang nahezu nichts mehr. Ich absolvierte eine Reha und lernte vor etwa neun Monaten eine neue Partnerin kennen, die mir geholfen hat, wieder ins Leben zurückzufinden.

Sie sind jetzt Rentner und könnten entspannt diese Zeit genießen, aber ich habe das Gefühl, Sie starten nochmal richtig durch. Stimmt das?

Ja, ich wollte die Gitarrenschulung stärker voranbringen. Deshalb besorgte ich mir eine CD mit Adressen von Seniorenheimen und schrieb diese zunächst an. Bald merkte ich jedoch, dass die Daten veraltet waren, und begann statt- dessen, die Telefonnummern zu nutzen. Insgesamt rief ich etwa 10.000 von 12.000 Heimen an – ein sehr schwieriger und mühsamer Weg, der mich bis heute begleitet.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Geschäftsleitungen der Seniorenheimen erlebt? Waren Sie begeistert oder verhalten? 

Das Problem liegt nicht bei den Heimen, sondern in der politischen Struktur des Gesundheitssystems. Bei einer Veranstaltung mit über 120 Heimbetreibern wurde deutlich, dass zugesagte Gelder nicht ankommen und geplante Projekte deshalb nicht umgesetzt werden können.

Viele können sich zudem nicht vorstellen, dass man innerhalb von zwei Tagen Gitarre lernen kann. Aber genau dieses vermittle ich den Mitarbeitern in einer zweitägigen Schulung. Alltagsbegleiter müssen jährlich Fortbildungen nachweisen, und diese Schulung kann ich anbieten, da sie den Bewohnern guttut und zudem abrechenbar ist. So kann ich meine kleine Rente aufbessern, während die Mitarbeiter das Gelernte weitergeben können.

Was haben Sie noch versucht, um Ihre Idee zu etablieren? 

Ich hatte 2010 den Film „Die Spätzünder“ mit Jan Josef Liefers gesehen. In diesem Spielfilm spielt er den Rockmusiker Rocco, der von einem Gericht zu Sozialstunden in einem Altenheim verurteilt wird. Die Heimleitung ist überzeugt, dass die Bewohner vor allem geschützt werden müssen und Ruhe benötigen. Nach Feierabend geht der Musiker jedoch mit den Senioren in den Keller, um gemeinsam Musik zu machen. Später treten sie sogar in Stadthallen auf.

Daraufhin habe ich Jan Josef Liefers zweimal angeschrieben und ihn gefragt, ob er die Patenschaft für mein Projekt übernehmen möchte – leider ohne Antwort. Auch Florian Silbereisen, Helene Fischer und Peter Maffay habe ich kontaktiert, jedoch erfolglos.

Zudem wandte ich mich an die Organisation der schwedischen Königin, die die „Stiftung Silviahemmet“ 1996 gründete,, nachdem ihre Mutter an Demenz erkrankte – auch hier erhielt ich keine Rückmeldung.

Ich habe außerdem den deutschen Bundespräsidenten sowie den Bundesgesundheitsminister angeschrieben. Beide fanden das Projekt zwar gut, hatten jedoch keine Zeit, sich dafür zu engagieren. Lediglich Dr. Eckart von Hirschhausen hat sich gemeldet und uns eine Auftrittsmöglichkeit ermöglicht.

Gab es besondere Aktionen, die Sie mit den Senioren außerhalb des Heimes durchführen durften? 

Ja, die gab es. Durch mein Gitarrenprojekt sind die Bewohner regelrecht aufgeblüht. Gemeinsam sind wir in Braunschweig beim jährlich stattfindenden „Tag der Senioren“ vor 450 Zuschauern aufgetreten. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn eine über 90-Jährige auf einer erhöhten Bühne steht und in 900 Augen blickt? Das war überwältigend – ich bekomme heute noch Gänsehaut.

Außerdem waren wir in Hannover und haben uns bei einer Veranstaltung vor den Entscheidern und Gästen der Swiss Life Stiftung für die großzügige Spende von 10.000 Euro bedankt. Von diesem Geld haben wir Instrumente gekauft und einen Schrank angeschafft.

Wer mehr über Ihre Arbeit erfahren möchte oder das Projekt etablieren möchte, wie kann er mit Ihnen in Verbindung treten?

Wer mehr über meine Arbeit erfahren oder das Projekt selbst etablieren möchte, kann gerne Kontakt mit mir aufnehmen. Ich bin telefonisch unter 05355/6239, mobil unter 0170/9656239 oder per E-Mail unter remember.frank @t-online.de erreichbar.

Das Gespräch führte

 Silke Konzag.

 

KURIER fragt nach

Wir wollten im Nachgang erfahren, wie das Projekt bei den Alltagsbegleitern des Seniorenheims „Am Brückenplatz“ ankam und ob es dauerhaft fortgeführt wird. Dazu sprachen wir mit der Alltagsbegleiterin Jana Ludwig.

Frau Ludwig, wer kam auf die Idee, an diesem Projekt teilzunehmen?

Die Heim-Geschäftsleitung legt großen Wert auf die Aktivierung und Mobilisierung der Bewohner und initiierte daher dieses Projekt zur Weiterentwicklung unserer Arbeit. Herr Lillie versprach bereits am ersten Tag, dass wir innerhalb von zehn Minuten ein Lied spielen können – und behielt recht. Trotz fehlender musikalischer Vorerfahrung gelang uns das tatsächlich, und das gemeinsame Musizieren machte uns als Team viel Freude.

Eine besondere Herausforderung war es, gleichzeitig Gitarre zu spielen und zu singen. Mithilfe des Übungshefts konnten wir jedoch mehrere Stücke einstudieren, darunter „Lalelu“, den „Schneewalzer“, „Der wilde, wilde Westen“, „Schön, dass du geboren bist“, „Ein Bett im Kornfeld“ und „Ein bisschen Frieden“.

Aus Spaß entstand zudem die Idee, eine eigene Band zu gründen. Insgesamt konnten wir aus dem Projekt viele wertvolle Erfahrungen mitnehmen.

sk: Eine besonders schöne Szene erlebte Andrea Thieme, die zu Tränen gerührt war: Frank Lillie schenkte ihr eine Gitarre, da sie sich in einer finanziellen Notlage befindet und sich derzeit kein Instrument hätte leisten können.

Haben Sie während der Projekttage auch mit den Senioren gespielt oder zunächst nur unter sich geübt? Und wie haben die Senioren darauf reagiert?

Die Reaktionen der Senioren waren durchweg positiv. Unsere Bewohner sind generell sehr musikbegeistert – besonders das Schifferklavier kommt immer gut an. Zwei Bewohner musizieren noch aktiv, und eine Bewohnerin spielt Mundharmonika.  

Gerade Bewohner, die sonst eher zurückhaltend oder teilnahmslos sind, profitierten sichtbar davon: Sie lebten auf und sangen sogar mit. Darüber haben wir uns sehr gefreut.

Wann kommt diese Musikalität ihrer Bewohner zum Einsatz?

Natürlich bei Feierlichkeiten und Veranstaltungen. Jeden Dienstag haben wir Chorprobe, bei der wir vom Schifferklavier begleitet werden. Ich denke, unseren Bewohnern ist es nicht wichtig, dass das einstudierte Gitarrenspiel zu 100 Prozent perfekt ist – vielmehr geht es um die Freude am gemeinsamen Miteinander.

Wie sieht die allgemeine Beschäftigung der Senioren bei Ihnen aus? Gibt es tägliche Angebote?

Die Betreuung ist vielfältig organisiert. So gibt es unter anderem vormittags verschiedene Aktivitäten wie Chorangebote, Gottesdienste, Spaziergänge und viele weitere Beschäftigungangebote. Bei uns wird über den gesamten Tag hinweg immer etwas angeboten.

Würden Sie sagen, dass es generell mehr Alltagsbegleiter in Pflegeheimen geben sollte, auch zur Entlastung des Pflegepersonals?

Ja, das ist wichtig – vor allem, um die Mobilität und das Wohlbefinden der Bewohner stärker zu fördern und gleichzeitig das Personal zu entlasten. Aktuell sind wir fünf Alltagsbegleiter am Brückenplatz.

Herr Lillie erwähnte, dass er im Mai und Oktober in Schmölln und Löbichau, weitere Projekt anbietet. Was wissen Sie darüber?

Ja, das ist richtig: Zur Schmöllner Heimbetriebsgesellschaft mbH zählen u.a. das Seniorenheim „Am Brauereiteich“ in Schmölln sowie das Seniorenheim „Schloss Löbichau“, die er im Mai und Oktober besuchen wird.

Gitarrenspenden willkommen

Wer eine intakte Gitarre abgeben und damit das Projekt unterstützen möchte, kann sich gerne an die Seniorenheime wenden. Ansprechpartner ist die Geschäftsleitung der Schmöllner Heimbetriebsgesellschaft.

Weitere Informationen erhält oder findet man unter E-Mail: info@ shbg.de oder Telefon 034491/0000 oder im Internet unter www.shbg.de

Die Anfrage stellte Silke Konzag.