Nobitz/OT Wilchwitz. Für das Kelvion-Werk im Nobitzer Ortsteil Wilchwitz ist das Ende angekündigt: Zum 31. Dezember 2026 soll der Standort geschlossen und die Produktion der dort gefertigten Wärmetauscher verlagert werden. Rund 250 Beschäftigte sind nach Angaben der IG Metall von der Schließung betroffen. Nachdem mehrere Verhandlungsrunden zwischen Arbeitgeber und Gewerkschaft ohne Ergebnis geblieben waren, begann Anfang August der unbefristete Streik.
Im Mittelpunkt des Arbeitskampfes steht ein Sozialtarifvertrag, mit dem die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der geplanten Werksschließung für die Beschäftigten abgefedert werden sollen. Die IG Metall fordert unter anderem Abfindungen, einen Härtefallfonds sowie Transfer- und Qualifizierungsmaßnahmen für die Betroffenen.
Am 6. August 2026 machte sich der KURIER spontan selbst ein Bild von der Situation vor Ort. Vor dem Werkstor kamen wir mit mehreren Protestierenden ins Gespräch und wollten von ihnen wissen, wie sie persönlich mit der angekündigten Schließung und der damit verbundenen ungewissen Zukunft umgehen.
Zwischen Wut und Ungewissheit
Bei den Gesprächen werden vor allem Enttäuschung, Unverständnis und Sorge um die eigene Zukunft deutlich.
„Die Firma Kelvion hat entschieden, den Standort zum 31. Dezember zu schließen – und da haben wir natürlich etwas dagegen“, sagt einer der Beschäftigten. „Wir wollen einen gescheiten Sozialtarifvertrag. Darum kämpfen wir, damit wir eine angemessene Abfindung und einen Nachteilsausgleich bekommen.“
Für ihn sei die Situation vor allem schwer nachzuvollziehen. „Es ist natürlich ärgerlich und nicht schön. Ich hätte mir für dieses Jahr Besseres vorstellen können. Die Auftragsbücher sind voll, es hätte ein richtig geiles Jahr werden können. Es gab überhaupt keine Not, wir schreiben schwarze Zahlen. Es ist traurig.“
Auch die Möglichkeit, künftig an einem anderen Standort zu arbeiten, sieht er kritisch. „Es wurde zwar angeboten, in Sarstedt anzufangen, aber wir sind alle hier verwurzelt. Das sind 350 Kilometer – das ist keine Alternative.“
Für einen weiteren Beschäftigten bringt die angekündigte Schließung vor allem Unsicherheit für das Familienleben mit sich. „Ich bin Vater eines Kindes und hatte hier meinen sicheren Arbeitsplatz. Jetzt weiß ich nicht, wie es weitergeht: Muss ich auf Montage fahren? Sehe ich mein Kind dann vielleicht nur noch am Wochenende?“
Ein anderer Mitarbeiter berichtet, dass er erst vor wenigen Jahren bewusst aus der Automobilbranche zu Kelvion gewechselt sei. „Es ist jetzt eine Unsicherheit. Ich bin das dritte Jahr hier und bin damals extra aus der Automobilbranche gewechselt, um mehr Zukunftssicherheit zu haben.“
Nach schwierigen Jahren habe sich die Situation am Standort aus seiner Sicht wieder deutlich verbessert. „Danach haben wir uns hier neu strukturiert und neu aufgebaut. Mit über 100 Mitarbeitern weniger haben wir denselben Leistungsgrad erreicht wie vorher.“
Auch die Auftragslage habe sich positiv entwickelt. „Seit Anfang des Jahres haben wir jeden Monat ein extremes Plus. Wir haben Auftragseingänge ohne Ende, bis zum Jahresende und darüber hinaus. Und dann kam die Entscheidung, dass dieser Standort verlagert und im Endeffekt geschlossen wird.“
Besonders kritisch sieht er den Umgang mit den Folgen der Schließung für die Belegschaft. „Was eigentlich so schlimm ist: Dass sie sich mit einem sozialverträglichen Ausgleich so schwertun. Das ist aus meiner Sicht absolut nicht sozialverträglich.“
Für die Beschäftigten müsse zumindest eine gewisse finanzielle Sicherheit geschaffen werden. „Es sollte wenigstens die Möglichkeit bestehen, dass der eine oder andere einen kleinen finanziellen Puffer für die Zeit bekommt, in der er wieder auf Arbeitssuche ist. Damit hätte man zumindest etwas Sicherheit.“
Die Heimat einfach verlassen?
Auch eine weitere Protestierende beschreibt die Stimmung unter den Beschäftigten deutlich: „Ich denke, wir sind alle sauer.“ Hinzu komme die Sorge, in der Umgebung keinen vergleichbaren Arbeitsplatz mehr zu finden. „Wir haben gut verdient. Das kriegen wir hier ringsherum sowieso nicht.“
Ein Wegzug sei für viele Beschäftigte keine einfache Alternative. „Bei uns ist das nicht so einfach. Wir können doch nicht alle in den Westen gehen. Wir haben unsere Familien hier. Man kann doch nicht einfach alles aufgeben.“
Deutliche Kritik am Management
Auch Tom Knedlhanz, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Geschäftsstelle Gera, zuständig für das Altenburger Land und schon seit 2019 mit Kelvion betraut, war am 6. August vor Ort. Im Gespräch mit dem KURIER übte er deutliche Kritik an der Entscheidung zur Schließung und am bisherigen Vorgehen des Managements.
„Man muss damit anfangen, wie das Management hier am 8. Mai quasi den Brand gelegt hat – und das völlig aus dem Nichts heraus“, sagt Knedlhanz. Der Standort habe zuvor zwei Krisenjahre durchlebt, inzwischen ziehe die Konjunktur jedoch wieder an. „In der Situation eine Betriebsschließung anzukündigen, kam für alle überraschend. Wertschätzung ist natürlich etwas anderes.“
Besonders mit Blick auf die lange Verbundenheit vieler Beschäftigter mit dem Standort kritisiert Knedl-hanz die Entscheidung. „Wir haben Leute hier, die schon mehrere Jahrzehnte arbeiten. Die Produkte, die hier hergestellt werden, wurden auch hier entwickelt. Und jetzt soll der Standort geschlossen und die Produktion nach Sarstedt verlagert werden.“ Die Entscheidung wecke Erinnerungen an die Nachwendezeit. Knedlhanz formuliert es drastisch: „Die Entscheidung ist im Westen getroffen worden und hier macht man jetzt Abriss Ost.“
Auch das weitere Vorgehen der Geschäftsführung kritisiert er. „Jetzt brennt die Hütte und das, was sie gerade machen, ist wohl zu hoffen, dass das Feuer von alleine ausgeht.“ Für ihn sei bislang „keine Strategie erkennbar“ – weder bei den Verhandlungen noch bei der Verlagerung oder der Frage, wie Kundenbedarfe gedeckt werden sollen. Das Vorgehen erscheine ihm wie eine „Hauruck-Aktion“.
Auch den Zeitpunkt der geplanten Verlagerung hält Knedlhanz angesichts der von ihm beschriebenen wirtschaftlichen Entwicklung für falsch. Die Entscheidung sei für ihn vergleichbar damit, „bei 180 km/h die Handbremse“ zu ziehen. Er bezeichnet das Vorgehen als „grob fahrlässig“.
Gleichzeitig erlebt Knedlhanz eine entschlossene Belegschaft. „Hier herrscht eine hohe Entschlossenheit und ein ganz klares Zusammengehörigkeitsgefühl, das über Jahre gewachsen ist. Wir werden das auch sehr lange durchhalten, wenn es sein muss.“
An Kelvion richtet er einen deutlichen Appell: „Was ich Kelvion in dieser Situation raten würde, ist, endlich Verantwortung zu übernehmen. Uns nicht mit halbgaren Angeboten abzuspeisen, sondern unsere Forderungen ernst zu nehmen und den Leuten hier eine Perspektive zu bieten.“
Die Gespräche führte Gina Hartmann.
Fotos (3): © Gina Hartmann
KURIER fragt nach: Das sagt die IG Metall
Der KURIER richtete im Zusammenhang mit dem Streik mehrere Fragen an die IG Metall. Gewerkschaftssekretär Tom Knedlhanz beantwortete unsere Fragen im Nachgang unseres Gesprächs schriftlich.
Was sind die Gründe für den Streik, und welche konkreten Forderungen stellen Sie?
„Nachdem vier Verhandlungsrunden mit dem Arbeitgeber zu
keinem Ergebnis geführt haben, wurde am 3. August 2026 die Urabstimmung über die Aufnahme eines unbefristeten Streiks durchgeführt. Für die Aufnahme des Streiks gab es eine 100%ige Zustimmung der anwesenden IG Metall Mitglieder. Bisherige Angebote des Arbeitgebers waren nicht verhandelbar und wurden durch die von den Mitgliedern gewählte Tarifkommission abgelehnt.
Die Forderungspunkte im Detail:
• Tarifliche Sockelabfindung von 20.000 Euro für alle Mitglieder der IG Metall plus tarifliche Mindestabfindungen für Beschäftigte, die am Stichtag 3. Juni 2026 Mitglied der IG Metall sind und während der Laufzeit bleiben, in Höhe von 3,0 Bruttomonatsentgelten (BME) je angefangenem Beschäftigungsjahr (BME = Jahresbruttoentgelt / 12).
• Tarifliche Zusatzabfindungen i.H.v. 10.000 Euro je unterhaltspflichtigem Kind und 1.500 Euro je 10 Punkte GDB für Schwerbehinderte und Gleichgestellte.
• Tariflicher Härtefallfonds zum Ausgleich besonderer Härten, der durch das Unternehmen mit 2 Millionen Euro befüllt wird.
• TransferPlus: Rechtsanspruch auf Transfermaßnahmen (= Transfergesellschaft plus ungekürzte Abfindungen) und deren Finanzierung durch das Unternehmen nach folgenden Maßgaben:
- Laufzeit 12 Monate nach Ablauf der individuellen Kündigungsfrist und Beendigung des Arbeitsverhältnisses.
- Tarifliche Zuzahlung zum Kurzarbeitergeld auf 90 % des durchschnittlichen vollen Nettoentgeltes der letzten 12 Monate.
- Qualifizierungsbudget (kein individueller Anspruch, Topflösung) für alle Betroffenen in Höhe von 3.000 Euro pro Kopf.
- Übernahme und Garantie der gesamten Finanzierung der Kosten der Transfergesellschaft und der Zuzahlungen sowie des Qualifizierungsbudgets durch die Kelvion Brazed PHE GmbH und Absicherung aller Ansprüche gegen Insolvenz.“
Welche Perspektiven sehen Sie für die betroffenen Beschäftigten?
„Die Arbeitsmarktlage im Altenburger Land ist mehr als angespannt. Demnach ergeben sich
erhebliche Nachteile für die Beschäftigten, die aufgrund der Werksschließung ihren Arbeitsplatz verlieren. Entsprechend hoch muss das Volumen für einen Sozialtarifvertrag ausfallen, um die wirtschaftlichen Nachteile für die Beschäftigten auszugleichen. Auch die Ausstattung der Transfergesellschaft spielt dabei eine wichtige Rolle, um Zeiten der drohenden Arbeitslosigkeit hinauszuzögern und darüber hinaus durch Qualifizierungsmaßnahmen die Vermittlungschancen für die Beschäftigten zu erhöhen.“
Wie würden Sie den aktuelle Stand der Gespräche mit der Geschäftsleitung beschreiben?
„Von Anfang an spielt die Geschäftsführung auf Zeit. Wir haben beispielsweise bei jedem Verhandlungstermin Vorschläge unterbreitet, bald wieder zusammen zu kommen. Diese wurden jeweils abgelehnt und dann spätere Termine vereinbart. Seit dem 29. Juli 2026 herrscht Funkstille und für uns ist aktuell kein Willen der Geschäftsführung erkennbar, die Verhandlungen fortzusetzen. Wir sind dennoch nach wie vor gesprächsbereit und jederzeit für die Geschäftsführung erreichbar.“
Wie viele Beschäftigte sind von den Streikmaßnahmen und dem möglichen Arbeitsplatzverlust betroffen?
„Von der Schließung sind rund 250 Beschäftigte betroffen. Am Streik beteiligen sich alle IG Metall Mitglieder, die aktuell nicht im Urlaub sind. Der Organisationsgrad im Betrieb beträgt 93%.“
Anfrage an die Geschäftsleitung bleibt unbeantwortet
Um auch die Position des Unternehmens abzubilden, bat der KURIER die Kelvion-Geschäftsleitung um Stellungnahme. Die Fragen betrafen unter anderem die Ursachen des Streiks und die Verantwortung für die Eskalation des Konflikts, die bisherigen Angebote und abgelehnten Forderungen sowie die Auswirkungen der Streikmaßnahmen auf Beschäftigte, Produktion und Kunden. Zudem wollten wir wissen, welche Zugeständnisse Kelvion für eine Einigung in Betracht zieht.
Bis zum Redaktionsschluss ließ die Kelvion-Geschäftsleitung die Anfrage unbeantwortet. Sollte uns noch eine Stellungnahme erreichen, werden wir diese entsprechend veröffentlichen.
Die Anfragen stellte Silke Konzag.
Anmerkung der Redaktion:
Am 12. August besuchte Thüringens Ministerin für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familie, Katharina Schenk, gemeinsam mit Nobitz' Bürgermeister Henrik Läbe und Wirtschaftsförderer Michael Apel die Streikenden bei Kelvion. Schenk erklärte anschließend, dass sich die Landesregierung gemeinsam mit Betriebsrat, Gewerkschaft und möglichen Investoren für Lösungen zum Erhalt der Arbeitsplätze einsetzen wolle.
Kritisch äußerte sich die Arbeitsministerin zudem in den sozialen Medien zum Umgang mit den Beschäftigten: „Die Beschäftigten, die jeden Tag zur Arbeit gehen, sind die Basis des wirtschaftlichen Erfolgs. Dass ein Unternehmen dann versucht, einen Streik mit Leiharbeitskräften zu umgehen, weist nicht nur auf einen erheblichen Rechtsverstoß hin, sondern stellt ganz unabhängig von der rechtlichen Lage keinen akzeptablen Umgang mit den Beschäftigten dar.“
(Quelle: Instagram-Beitrag des Thüringer Sozialministeriums @sozialesth vom 12. August 2026)
