Gößnitz. Vom 17. August bis zum 12. Dezember 2026 steht zwischen Gößnitz und Zwickau die nächste große Bauetappe an. Während der knapp viermonatigen Sperrphase erneuert die Deutsche Bahn Gleise, Weichen und Oberleitungen, arbeitet an Brücken sowie Stütz- und Lärmschutzwänden und modernisiert die Leit- und Sicherungstechnik. Parallel wird der Bahnhof Werdau für den Personen- und Güterverkehr ausgebaut.
Die Arbeiten gehören zur rund 288 Kilometer langen Sachsen-Franken-Magistrale. Sie umfasst die Strecken Dresden–Hof und Leipzig–Werdau und verbindet Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt mit Bayern. Nach Angaben der Bahn sollen entlang der Magistrale insgesamt 32 elektronische Stellwerke errichtet und 223 Eisenbahnbrücken saniert oder erneuert werden. Auf ausgebauten Abschnitten sollen Züge künftig bis zu 160 statt bisher 120 Kilometer pro Stunde fahren können.
Vollständige Inbetriebnahme erst 2027
Im Abschnitt Gößnitz–Crimmitschau verzögert sich der Abschluss um etwa ein Jahr. Die vollständige Inbetriebnahme war ursprünglich für Oktober 2026 vorgesehen; danach sollten lediglich übliche Restarbeiten folgen. Nun soll die gesamte Infrastruktur erst im Sommer 2027 in Betrieb gehen. Auch im kommenden Jahr wird deshalb noch einmal eine größere Sperrpause nötig. Die Bahn rechnet nach den bei der Pressekonferenz vom 6. August genannten Planungen mit einem Zeitraum etwa zwischen August und Oktober 2027. Genaue Daten stehen noch nicht fest.
Als Hauptgrund für die Verzögerung nennt die Bahn schwierige Baugrundverhältnisse an der Stützwand entlang der Alexander-Puschkin-Straße in Gößnitz. Erst nach dem Rückbau und dem Freilegen des vorhandenen Bauwerks habe sich gezeigt, dass der Untergrund und die alte Stützwand in einem schlechteren Zustand seien als angenommen. Die bestehende Wand sei teilweise nicht ausreichend tragfähig, weshalb der Neubau verlängert und die Bauweise geändert werden müsse. Die neue Stützwand wird abschnittsweise gegründet, betoniert und hinterfüllt. Dieses Verfahren dauert länger, soll aber eine Vollsperrung der Alexander-Puschkin-Straße und damit zusätzliche Belastungen für Anwohner, Rettungsdienste und den örtlichen Verkehr vermeiden.
Hinzu kommen nach Angaben der Bahn bundesweite Engpässe bei hoch spezialisiertem Fachpersonal und bei Materialien für die Leit- und Sicherungstechnik. Wegen der hohen Bautätigkeit im deutschen Schienennetz seien insbesondere Planungs-, Prüf- und Abnahmekapazitäten stark ausgelastet. Am Umfang und am Ziel des Projekts ändere sich nichts; lediglich einzelne Bauabläufe würden neu geordnet. Außerhalb der notwendigen Sperrpausen sollen Züge fahren können, während die Arbeiten weiterlaufen.
Die Bahn beziffert die Kosten für den Abschnitt Gößnitz–Crimmitschau auf rund 330 Millionen Euro. Trotz des verlängerten Zeitplans liege das Vorhaben weiterhin innerhalb des vorgesehenen Budgets.
Mehr als zehn Kilometer Strecke werden erneuert
Der Ausbau zwischen Gößnitz und Crimmitschau umfasst insgesamt 10,22 Kilometer und ist in drei Abschnitte gegliedert:
- Der Knoten und Bahnhof Gößnitz erstrecken sich über 2,85 Kilometer. Dort entstehen zwei Mittelbahnsteige mit insgesamt vier jeweils 210 Meter langen Bahnsteigkanten. Die erneuerte Personenunterführung schafft barrierefreie Zugänge. Das neue elektronische Stellwerk ist bereits seit September 2023 in Betrieb.
- Der Abschnitt Gößnitz–Ponitz ist 2,65 Kilometer lang. Der Haltepunkt Ponitz wird barrierefrei erneuert und erhält zwei jeweils 155 Meter lange Außenbahnsteige sowie neue Wetterschutzhäuser und Beleuchtung.
- Auf den Abschnitt Ponitz–Crimmitschau entfallen 4,72 Kilometer.
Über alle drei Bereiche hinweg gehören neun Eisenbahnüberführungen, zehn Stützwände, zwölf Durchlässe und ein Bahnübergang zum Bauprogramm. Sieben neue Lärmschutzwände sind zusammen 3.274 Meter lang und je nach Standort zwischen zwei und fünf Meter hoch.
Während der Sperrpause 2026 sollen eine Eisenbahnbrücke in Ponitz und zwei Brücken in Crimmitschau eingeschoben werden. Außerdem setzt die Bahn die Arbeiten an den Stützwänden entlang der Alexander-Puschkin-Straße in Gößnitz und der Kitscherstraße in Crimmitschau fort. Gleise, Weichen, Oberleitungen sowie Leit- und Sicherungstechnik werden erneuert oder neu gebaut. Der Bahnhof Gößnitz erhält unter anderem neue Beleuchtung, dynamische Fahrgastanzeigen, Wetterschutzhäuser und Bahnsteigmobiliar. Die sanierte Personenunterführung ist mit Motiven der regionalen Tier- und Pflanzenwelt gestaltet. An dem Projekt waren Schülerinnen der Regelschule Gößnitz und ein Leipziger Graffitiverein beteiligt. Eine Schutzbeschichtung soll die Reinigung nach Vandalismus erleichtern.
Zwei 750-Meter-Gleise und neue Signale in Werdau
Auch im Bahnhof Werdau nutzt die Bahn die Sperrzeit für umfangreiche Arbeiten. Dort entstehen zwei jeweils 750 Meter lange Überholgleise für Güterzüge. Lange Güterzüge können damit künftig warten, während schnellere Personenzüge passieren. Das soll die Kapazität und die Betriebsqualität des Bahnhofs erhöhen. Zudem werden Weichen, Kabel, Oberleitungen und Signale erneuert. Die Signale erhalten moderne LED-Technik. Auch die Stromversorgung des mehr als 25 Jahre alten elektronischen Stellwerks wird neu gebaut. Trotz dass die Anlage große Teile Südwestsachsens steuert, muss sie zeitweise vollständig abgeschaltet werden. Vom 17. bis zum 22. August sind deshalb auch Fahrten in Richtung Plauen betroffen. Ein zusätzliches Signal an Bahnsteig 2 soll den Bahnsteig künftig in zwei Abschnitte teilen. Dadurch können Zugteile aus Richtung Zwickau und Plauen nacheinander einfahren, dort gekuppelt und gemeinsam in Richtung Leipzig weitergeführt werden. Diese technische Voraussetzung soll die geplante Ausweitung des S-Bahn-Angebots ab Dezember 2026 ermöglichen.
Auch das Erscheinungsbild des Bahnhofs wird erneuert. Geplant sind unter anderem neue oder sanierte Bahnsteigdächer, ein modernes Wegeleitsystem und neue Anzeigen. In der Personenunterführung werden Decke, Wände, Treppen und Handläufe saniert; zudem sind eine Schutzbeschichtung gegen Graffiti, Windschutzhäuser und neue Sitzgelegenheiten vorgesehen. Die Inbetriebnahme der neuen 750-Meter-Überholgleise verschiebt sich von Oktober auf Dezember 2026. Als Ursache nennt die Bahn vor allem die hohe Auslastung bei Plan- und Abnahmeprüfungen für die Leit- und Sicherungstechnik.
Diese Ersatzverkehre sind geplant
Bestimmte Bau-, Prüf- und Abnahmearbeiten können nur unter vollständiger Sperrung stattfinden. Für die S-Bahn-Linien S5 und S5X hat DB Regio deshalb einen Schienenersatzverkehr mit Bussen angekündigt:
- bis 22. August 2026: Ersatzverkehr zwischen Gößnitz und Zwickau
- August bis 18. Oktober 2026: Ersatzverkehr zwischen Altenburg und Zwickau
- Oktober bis zum Fahrplanwechsel im Dezember 2026: Ersatzverkehr zwischen Gößnitz und Zwickau
Die letzte reguläre S-Bahn von DB Regio nach Zwickau soll am 17. August fahren. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember übernimmt die Länderbahn den Verkehr der S5 und S5X auf diesem Abschnitt. Die für den letzten Sperrabschnitt ab 19. Oktober vorgesehenen Detailfahrpläne waren zum Zeitpunkt der Pressekonferenz noch nicht abschließend mit den Aufgabenträgern in Sachsen und Thüringen abgestimmt. Für die Ersatzverkehre sind barrierearme Niederflur-Gelenkbusse vorgesehen. Sie bieten mehr Platz als herkömmliche Busse; beim Einsteigen sollen die Fahrer bei Bedarf helfen. Fahrräder können grundsätzlich mitgenommen werden, allerdings entscheidet der Fahrer abhängig von der Auslastung. Rollstuhlfahrer, Menschen mit Kinderwagen und andere mobilitätseingeschränkte Reisende haben Vorrang. Die Bahn empfiehlt Reisenden mit Fahrrad, nach Möglichkeit auf eine Zugverbindung über Chemnitz auszuweichen. Die Fahrzeit verlängert sich deutlich. Für die Strecke Altenburg–Zwickau benötigt der Zug regulär rund 40 Minuten. Der Expressbus soll etwa eine Stunde brauchen, ein Bus mit Bedienung aller Ersatzhaltestellen etwa eineinhalb Stunden.
Aktuelle Verbindungen und Fahrzeiten sind über www.bahn.de und den DB Navigator abrufbar. Wo genau die Ersatzbusse halten und wie die Haltestellen zu erreichen sind, zeigt www.bahnhof.de: Nach Auswahl des jeweiligen Bahnhofs führt das Ersatzverkehrssymbol zu einem Lageplan mit Fußweg und Haltestelle. Entsprechende Pläne sollen auch an den Stationen aushängen.
Künftig rund 20 Minuten schneller nach Leipzig
Nach Abschluss des Ausbaus sollen auf der Strecke Geschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern pro Stunde möglich sein. Die Bahn strebt für die Expressverbindung zwischen Zwickau und Leipzig eine Fahrzeit von etwa einer Stunde beziehungsweise knapp darunter an. Verglichen mit der Zeit vor Beginn des Ausbaus wäre das eine Verkürzung um rund 20 Minuten. Neben kürzeren Reisezeiten soll die modernisierte Strecke mehr Kapazität für den Personen- und Güterverkehr bieten. Barrierefreie Stationen in Gößnitz und Ponitz, modernere Fahrgastinformationen und zusätzlicher Lärmschutz gehören ebenfalls zu den Projektzielen.
Die Bahn baut nach eigenen Angaben weitgehend „unter rollendem Rad“, hält die Strecke also während möglichst vieler Bauphasen zumindest teilweise nutzbar. Für unvermeidbare Eingriffe in Natur und Landschaft sind Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen. So wurden vor Beginn der Arbeiten Eidechsen in neue Lebensräume umgesetzt; Ersatzhabitate in Gößnitz und Altenburg seien bereits eingerichtet. Bei besonders lärmintensiven Nachtarbeiten will die Bahn betroffene Anwohner vorab informieren und nach eigenen Angaben bei Bedarf Ersatzwohnraum anbieten.
Anne Grahneis
