Altenburg. Die offizielle Einladung des Lindenau-Museums liest sich wie folgt: „Mit der Ausstellung ‚Der fantastische Gerhard Altenbourg‘“ feiert das Lindenau-Museum Altenburg den bedeutenden Altenburger Maler, Grafiker und Lyriker anlässlich seines 100. Geburtstages in diesem Jahr und eröffnet damit zugleich den Ausstellungsreigen für 2026. Die groß angelegte Schau im Prinzenpalais des Residenzschlosses Altenburg läuft vom 12. Mai bis zum 16. August 2026, vereint zentrale Werke des Künstlers und führt zugleich in seine besondere Bildwelt ein. Zu sehen sind Zeichnungen, Druckgrafiken, Metallarbeiten sowie skizzenhafte, teils unvollendete Arbeiten, die „fantastische Figurationen“ wiedergeben – den Besuchern begegnen bizarre Monster und andere seltsame Wesen. Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Rahmenprogramm sowie von der Kunstaktion „Altenburg entdeckt Altenbourg“, die im Stadtraum stattfindet.

Das Prinzenpalais wird wieder zum Leben erweckt! Nachdem es im Jahre 2019 durch die NO SELECTION 2000 – Biennale für Junge Kunst aus dem Dornröschenschlaf gerissen wurde und damals noch einen sehr „morbiden Charme“ verströmte, dürfen sich die Besucher nun ob des Wandels freuen! 

Dr. Roland Krischke, Direktor der Altenburger Museen, Dr. Silvia Schmitt-Maaß, Kuratorin der Ausstellung, und Manuela Büchting, Co-Kuratorin der Ausstellung, führten verschiedenste Pressevertreter im Vorfeld der offiziellen Eröffnung bereits am Dienstag, den 5. Mai 2026, durch den Ausstellungsbereich des Prinzenpalais. Sie gaben einen Einblick in das Leben, Wirken und die Schaffensweise Altenbourgs anhand seiner Werke und weiteren Ausstellungsstücken aus dem Atelier des Künstlers. Außerdem zeigten sie auf, welche Mitmach-Gelegenheiten sich den Besuchenden der Ausstellung bieten, und verrieten, dass auch Kinder und Jugendliche bei den Vorbereitungen mitgewirkt haben. So gestalteten sie unter anderem Schaufenster in Altenburg und wirkten bei Hörspielen mit, die während der Ausstellung abgespielt werden können. 

Das Wohnhaus Altenbourgs sei in kleinen Gruppen zu 4 Personen einsehbar, da es nicht behindertengerecht bzw. rollstuhlgängig sei. Allerdings seien alle Termine schon vergeben. Man plane aber, das Wohnhaus zugänglicher zu machen.

Die Ausstellungseröffnung fand am 10. Mai 2026 um 15.00 Uhr im Bachsaal des Residenzschlosses Altenburg statt. Geöffnet ist die Ausstellung Dienstag bis Sonntag und feiertags von 11.00 bis 17.00 Uhr.

Wer ist Gerhard Altenbourg?

Gerhard Altenbourg, mit bürgerlichem Namen Gerhard Ströch, wurde am 22. November 1926 in Rödichen-Schnepfenthal, heute Ortsteil von Waltershausen bei Gotha, geboren und starb am 30. Dezember 1989 in Meißen an den Folgen eines Autounfalls. Er wurde in Altenburg beigesetzt. Sein gesamter Lebenslauf und sein künstlerisches Schaffen sind auf Wikipedia.de einsehbar.

Laut Dr. Roland Krischke gehöre Altenbourg zu den wichtigsten Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Thüringen. Ihm zu Ehren wurde der Altenbourg-Preis eingeführt, der seit 1998 in der Regel alle 2 Jahre vergeben wird.

Doch was macht Altenbourg so besonders und wichtig, auch und vor allem für unsere Zeit?

Es ist ein Trauma im Alter von zarten 17 Jahren, welches Altenbourg sein Leben lang prägen und in sein Schaffen und seine Kunst einfließen wird. Vor diesem Hintergrund müssen alle seine Werke beleuchtet und betrachtet werden! Erst dann erschließen sich die tiefen Qualen seiner Seele, die er in verschiedensten Formen und Materialien zum Ausdruck brachte. So finden sich in mehreren Bildern Mikro- und Makrozeichnungen, die nur bei näherer Betrachtung dem Auge sichtbar werden. Man entdeckt kaum ein Werk, das „vor Lebensfreude sprüht“, kein Foto vom Künstler, auf dem er lächelt. Stattdessen, in seinen Augen, ein inneres Zerrissensein, Flucht in Fantasie und Traumwelten, vielleicht als Schutz vor Dämonen, die ihn quälten – oder war es sein Gewissen, das ihn nicht zur Ruhe kommen ließ?! 

Als Sohn eines Baptistenpredigers geboren, blieb Altenbourg seiner Altenburger Baptistengemeinde treu. Dies bestätigte Thomas Orymek, Gemeindeleiter dieser Gemeinde, die sich an der Zeitzer Straße 39 befindet. Es gäbe auch heute noch zwei bis drei Gemeindemitglieder, die ihn gekannt haben. Im Gegensatz zu Altenbourgs Schwester, die sehr lebensfreudig gewesen sei, gern erzählt habe, die mit ihrem Bruder im gemeinsamen Elternhaus lebte und ihm den Haushalt führte, wurde Altenbourg als sehr zurückgezogen, fast menschenscheu, wahrgenommen, der oft nur abends das Haus für Spaziergänge verließ. 

Sein Glaube und die Möglichkeit, das Erlebte in der Kunst und durch verschiedene Kunstformen zu verarbeiten, schienen ihm Halt zu geben. Andere hingegen hatten weniger „Glück“, wählten und wählen schädlichere „Kompensationsmechanismen“ wie Alkohol, Nikotin, Drogen und anderes mehr, die oft zu Krankheit, Gewalt und zerrütteten Familien führten und führen. 

Altenbourg blieb ehe- und kinderlos und thematisiert auch Beziehung – Nähe und Ferne – in seinen Werken. 

Er stellte nie einen Ausreiseantrag in die BRD, obwohl er durch DDR-Behörden immer wieder Repressalien erfuhr Ausstellungen verboten oder vorzeitig beendet wurden. Dennoch hatte Altenbourg viele Ausstellungen in Westdeutschland, auch nach dem Mauerbau, und erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen.

Doch worin bestanden das Trauma bzw. die Traumata? Warum sind seine Erlebnisse so aktuell und was können wir daraus lernen?

Altenbourg wurde im Alter von 17 Jahren in den 2. Weltkrieg eingezogen. Er tötete im Nahkampf einen gegnerischen Soldaten, sonst wäre er getötet worden. Was macht das mit einer 17-jährigen Seele? Dazu all die schrecklichen Bilder Verwundeter, den Verlust gefallener Kameraden, die Todesangst, die Schreie, die Gerüche, das Ungeziefer, der Hunger, die Einsamkeit, die Entmenschlichung, die Gewalt, die Zerstörung, die Sinnlosigkeit, die Zweifel … Können wir uns wirklich in seine Lage hineinversetzen? Wenn auch nur vage, so erkennen wir hoffentlich, wie furchtbar Krieg ist und wie fatal dessen Auswirkungen sind. Zwei Fragen drängen sich auf: Erkennen wir, wie wichtig eine adäquate Traumatherapie und -aufarbeitung sind, und realisieren wir, wie zentral es ist, menschengemachte Traumata zu vermeiden?! 

Die Soldatengräber auf dem Friedhof in Großröda, auf denen das Alter der gefallenen Soldaten teils mit 16 und 17 Jahren auf den Grabsteinen angegeben wird, sollten uns die Augen öffnen! Deshalb muss uns Psalm 34,15 ein Wegweiser und eine Warnung zugleich sein: „Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!“

Fazit: Eine Reise zum Altenburger Schloss, ins Prinzenpalais und zu den anderen Ausstellungsorten lohnt sich! 

Ilka Dziengel