Gera/Ronneburg OT Raitzhain/Altenburger Land. Vom 16. bis zum 18. Juni, ganze drei Tage, von 10.00 bis 20.00 Uhr, am 3. Tag bis 19.00 Uhr, mit Pausen, dauerte die öffentliche Anhörung der unzähligen Einwendungen über das geplante Vorhaben des Antragstellers KKT (Zweckverband zur kommunalen Klärschlammverwertung Thüringens), eine Monoklärschlammverbrennungsanlage (MKVA) in Raitzhain, nahe Ronneburg, errichten zu wollen. Nach Gera ins Kultur- und Kongresszentrum (KuK) hatte die zuständige Genehmigungsbehörde, das Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN), alle Einwender und Interessierte eingeladen.
Welche Einwendungen sind wirklich relevant?
Berechtigte Ängste und Sorgen der Einwender, wie zum Beispiel Gerüche oder weitere Emissionen, die, zu befürchtende Wertminderung von Immobilien und Grundstücken zur Folge hätten, wurden von der Behörde zwar zur Kenntnis genommen, hätten aber auf die Entscheidungsfindung zur Erteilung der Baugenehmigung keinen Einfluss! Diese gelten als „unerheblich“, „irrelevant“ oder „nicht genehmigungsrelevant“.
Dies auch wenn Anwohner, bereits bestehender Anlagen, über Gerüche nach „Fäkalien und faulen Eiern“, wie z. B. in Bremen oder Bitterfeld, klagen und diese Geruchs-belästigungen auch mit hohen Beträgen und technischen Aufwendungen nicht beseitigt werden konnten! Denn: Für eine berechtigte Änderung oder Ablehnung der Bauanträge bräuchte es „relevante“ Daten und Fakten, die eklatante Mängel in den Antragsunterlagen aufzeigen. Dazu wird nach Durchsicht aller Einwendungen nach der derzeitigen Rechtslage vom TLUBN entschieden.
Um Mängel der Antragspläne der KKT-Anlage sichtbar zu machen, engagierte die Stadt Ronneburg die Fachleute K. Koch und Dipl.-Ing. P. Gebhardt vom Sachverständigenbüro Umweltnetzwerk. Die
Sachbeistände wiesen, dank ihrer fundierten gutachtlichen Stellungnahme, auf entscheidungsrelevante Fehler und Schwächen der Antragsunterlagen hin. Hinzu kamen auch engagierte Bürger, besonders hervorzuheben sind Frank Lange vom Kirchlichen Umweltkreis Ronneburg, sowie die Privatpersonen Dietmar Schützner und André Göthe aus Raitzhain, die ebenfalls fachlich fundiert ihre Einwendungen zum Ausdruck brachten.
Welche Argumente haben die Gegner der MKVA
Die Argumente der 2.300 Einwendungen, die ca. 50 Prozent der Einwohnerzahl Ronneburgs entsprechen, sind vielfältig und können nicht alle im Einzelnen aufgelistet werden.
Zusammenfassend kann aber gesagt werden, dass diese Anlage den Klärschlamm lediglich „nur“ verbrennt. Der eigentliche Sinn und Zweck der KKT-Anlage mit dem Ziel, Phosphor zurückzugewinnen, wird nicht erreicht! Die nach der Verbrennung entstandene Asche wird nicht einer Verwertung zugeführt, sondern muss stattdessen teuer „irgendwo“ deponiert werden, der Ort der Zwischenlagerung ist jedoch noch unklar! Die Asche würde, laut Aussage von Koch bei Kontakt mit Wasser aushärten. Der Phosphor würde aus der Asche nur mit hohem Energieaufwand, unter Einsatz vieler Säuren und Chemikalien und weiterer Kosten, „irgendwann“, „vielleicht“ und „eventuell“ gewonnen werden. Denn: Geeignete und kostendeckende Verfahren gäbe es bisher noch nicht. Doch bis es so weit ist, kosten die Lagerung der Aschen und die weitere Aufbereitung die KKT-Mitglieder viele weitere Euro. Aber nicht nur die Lagerung, sondern auch die geplanten Baukosten sind noch nicht absehbar, haben sich diese, einst kalkulierten, Kosten mittlerweile um mindestens 50 Prozent erhöht und liegen momentan bei über 100 Millionen Euro.
Doch dieser Punkt ist für die Behörde nicht genehmigungsrelevant, werden doch die Kosten auf die Mitglieder, und damit auf die Bürger, umgelegt.
Apropos KKT-Mitglieder: Bis jetzt sind es 19 Verbände, die sich auf mindestens 20 Jahre verpflichtet haben und nicht aus dem Vertrag aussteigen dürfen. Hingegen dürften neue Mitglieder mit einer Zweidrittelmehrheit aufgenommen werden. Und wenn wir einen Blick auf die Landkarte werfen, werden wir feststellen, dass Raitzhain keinesfalls zentral, sondern im äußersten östlichen Zipfel Thüringens liegt und somit die Anfahrtswege der am weitesten entfernten Kommunen mehr als 170 Kilometer betragen würden. Die Lage Raitzhain mit Anschluss über die A4 ergibt dann Sinn, wenn sich zukünftig auch noch Kommunen aus Sachsen und Sachsen-Anhalt anschlössen.
Die Auslastung der MKVA wurde von maximal 84.000 Tonnen jährlich mit einer freiwilligen Selbstbegrenzung auf 70.000 Tonnen reduziert. Ob die freiwillige Selbst-begrenzung angesichts steigender Kosten der KKT-Anlage haltbar ist, dürfte jedoch fraglich sein!
Ein weiterer gewichtiger Vorwurf lautete, dass insgesamt die Energiebilanz der geplanten KKT-Anlage negativ sei. Der Klärschlamm wird mit einem Wassergehalt von 77 Prozent angeliefert, der mit hohem Energieaufwand in der Anlage zu trocknen sei, um ihn dann zu verbrennen. Die austretende Wärme werde nicht, wie ursprünglich geplant, an ein Nachbarunternehmen geliefert, sondern müsse mit zusätzlichem Energieaufwand, auch im Sommer, abgekühlt werden. Ob das Ronneburger Stromnetz geeignet ist, die benötigten Energiemengen zu liefern, ohne zusammenzubrechen, wurde bislang nicht untersucht. Die CO₂-Bilanz und der „Klimawandel“ werden hierzu außen vor gelassen und zur Nebensache, wie es mir schien.
Auch die geplante Gebäudehöhe, Baulärm, Schall und die teils unvollständigen Voruntersuchungen des Baugrunds auf Radon/Radioaktivität und des Grundwassers wurden bemängelt, aber, aus Sicht der Einwender, nicht ausreichend erörtert.
Bezüglich einer Sickerwasserleitung, zum Uranerzbergbau von der WISMUT errichtet, die über das geplante Bauarsenal verlaufen soll, war unklar, ob sie wirklich ausführlich, innerhalb dieser drei Tage, besprochen wurde oder nicht. Da widersprachen sich die Parteien. Dieser Punkt wäre aber absolut baurelevant, da dort ggf. der Tiefbunker für die KKT-Anlage geplant ist. Deshalb sollte über das TLUBN sichergestellt werden, wo die Sickerwasserleitung genau liegt, um diese nicht zu beschädigen oder zu überbauen. Gegebenenfalls wäre aber das geplante Areal dann für die KKT-Anlage einfach zu klein …
Die Transportwege zum Anschluss an die KKT-Anlage führen über Altenburger Landstraßen, deren
Zustand sich dadurch sicher nicht verbessert. Darauf wies auch der Bürgermeister von Löbichau, Rolf
Hermann, hin, der auf der Anhörung verkündete, dass die Gemeindeverwaltung nicht sachgerecht am Verfahren beteiligt wurde, im Besonderen, nicht an der Durchfahrt durch Beerwalde zur Erschließung der KKT-Anlage.
Die errechneten LKW-Fahrten liegen deutlich höher, da diese ja auch wieder zurückfahren. Zusätzlich muss die Asche abtransportiert werden und es gäbe auch sonstige Transportlieferungen.
Ein Aspekt war auch die Schornsteinhöhe, die, nach Aussagen und Vermutungen von Frank Lange, immer weiter hinunter „geschraubt“ wurden. Dies allein zu dem Zweck, damit der Beurteilungsradius von 1,8 Kilometer die angrenzenden Landschaftsschutzgebiete nicht tangiere und einer Genehmigung entgegenlaufe. Er erstellte hierzu eine eindrucksvolle Grafik. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Denn die ausgestoßenen Schadstoffe weht der Wind im Jahresmittel zu 60 Prozent in Richtung Altenburger Land, zu 40 Prozent nach Raitzhain/Ronneburg.
Daraus ergaben sich auch meine Einwendungen und Fragen an das TLUBN.
Da ja nicht nur der Grund und Boden durch den jahrelangen Uranabbau geschädigt wurden, reichte ich einen Antrag bezüglich einer umfangreichen Langzeitstudie über den Gesundheitsstand der dort wohnenden Bevölkerung ein. Denn was macht das mit Leib und Psyche, wenn wieder so ein „Ungetüm“ dorthin, mit Hochhauscharakter von über 30 Metern Höhe, gebaut wird? Und so ergingen meinerseits deutliche Worte in Richtung TLUBN und Antragsteller.
Abschließend sei angemerkt: Ich würde mir sehr wünschen, dass sich die gebeutelten Bewohner, dieser ehemaligen Uran-Abbaugebiete, nicht schon wieder mit neuen „Kontaminations-Ängsten“ ihrer geliebten Heimat plagen müssten, sondern in einer gesundenden Umgebung leben können!
DENN: Es gäbe weitaus bessere und effektivere Alternativen und Verfahren, die eine Verbrennung des Klärschlamms entbehrlich machen und die Kosten eher reduzieren statt ansteigen lassen: Jedes kleinste Klärwerk ist heute in der Lage, eine eigene Phosphatfällung umzusetzen. Über eine 4. Reinigungsstufe und eine Umkehrosmose könnten Schadstoffe wie Medikamentenreste, Mikroplastik und Schwermetalle aus dem Klärschlamm entfernt werden und so könnte der wertvolle Rohstoff Klärschlamm wieder in der Landwirtschaft genutzt werden. Auch Pyrolyseanlagen wie z. B. im Sächsischen Frohnbach unter https://www.youtube.com/watch?v=uESAC9c5d70 zeigen technische Alternativen eindrucksvoll auf. Die Pyrolyse von Klärschlamm ist ein innovatives thermisches Verfahren, bei dem getrockneter Klärschlamm unter Sauerstoffausschluss auf 650 bis 800 Grad Celsius erhitzt wird. Dabei zersetzen sich organische Schadstoffe, Keime und Mikroplastik. Zurück bleiben Pflanzenkohle sowie energiereiche Gase, die zur Prozesswärmegewinnung genutzt werden können. Die Pflanzenkohle speichert Wasser und dient zur Bodenverbesserung.
Ganz anders als die geplante KKT-Verbrennungsanlage, die bei mir mehr Fragen als Antworten lieferte und Indien in den Sinn rief, welches ich vor über 20 Jahren bereiste.
Der Vergleich mag zwar etwas hinken. Dennoch: In Indien werden Kuhfladen getrocknet und energieeffizient als Brennmaterial zum Kochen und Backen verwendet!
Hier hingegen wird mit der entstandenen Wärme weder „gekocht noch gebacken“, noch wird die Abwärme zum Heizen oder als Warmwasser verwendet…
Fazit: Der Klärschlamm würde, mit hohen Folgekosten, nur verbrannt, das Ziel der Phosphorgewinnung würde nicht erreicht! Warum bleiben Alternativen außen vor?
Ilka Dziengel
Anmerkung der Redaktion
Es sei zum obigen Artikel auf den Kurier vom 08. Februar 2025 verwiesen, der auf den Seiten 1, 2 und 6 ausführlich dieses Thema beleuchtet.
BU-Foto 1 (2. Beitrag_MKVA Ronneburg/Raitzhain_Personen.JPG):
V.l.n.r. Frank Lange, Dietmar Schützner, André Göthe kämpfen für ihre Heimat.
BU-Foto 2 (2. Beitrag_MKVA Ronneburg/Raitzhain_Kuhfladen.JPG):
Ist Indien uns voraus? Kuhfladen (rechts unten) werden „energieeffizient“ in der Sonne getrocknet und zum Kochen/Backen als Brennmaterial verwendet
Fotos (3): Ilka Dziengel
BU-Foto 3 (2. Beitrag_MKVA Ronneburg/Raitzhain_Grafik.tiff):
Das Beurteilungsgebiet für die Bewertung der Luftschadstoffimmission entspricht nach der Verwaltungsvorschrift „TA Luft“ dem Radius der 50-fachen der Schornsteinhöhe.
Grafik: privat
